Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Noch thateſt du es nicht! Noch thronſt du, ein Kako⸗ dämon mit grinſendem, zähnefletſchenden, ingrimmigen Ge⸗ ſicht, auf dem Markte jeder eroberten Stadt! noch huldigt dir, wer die Macht hat, und huldigt dir um ſo mehr, je mächtiger er iſt, je weniger er den Beſiegten, der ſich zu ſeinen Füßen krümmt, zu fürchten braucht! Noch wirfſt du dein klirrendes Henkerſchwert in die Schaale des Todes, ſo oft du ſiehſt, daß das Zünglein auf der Waage der Ver— geltung ſich zur Gnadenſchaale neigt; noch ſchleuderſt du den in ehrlicher, offener Feldſchlacht bei gleicher Sonne und gleichem Wind Beſiegten und Gefangenen in deine dumpfen Kerker auf das faulende Stroh; oder zerrſt ihn wieder heraus, wenn dir der Typhus ſein Werk nicht ſchnell genug verrichtet, ſtößt die Kugel in die Büchſe — Feuer! ein Blitz — ein Knall — wehe den Beſiegten!“

Wehe den Beſiegten! ſo klang es auch im Ohr und Herzen der ſchönen Frau, die einige Tage nach der Ka⸗ taſtrophe in der Stube eines kleinen Gaſthofes in der eroberten Feſtung am Fenſter ſaß, und, ohne irgend etwas wahrzunehmen, auf die Straße herab ſtarrte, auf der halb⸗ berauſchte Soldaten ihre rohe Galanterie an den Bauer— weibern verſuchten, die eben mit ihren leeren Körben wieder nach Hauſe wollten. Sie ſah nichts, ſie hörte nichts, ſie dachte nichts, als den einzigen Gedanken, der ſie nun ſchon alle dieſe Zeit Tag und Nacht unausgeſetzt beſchäftigt hatte: wie ſie den gefangenen Geliebten aus dem Kerker, oder, wenn das unmöglich war, ſo doch vom Tode retten könne. Welche Verſuche hatte ſie nicht gemacht, ſich wenigſtens Zutritt zu ihm zu verſchaffen! wie hatte ſich die Stolze ge⸗ demüthigt! wie hatte ſie unter höhniſch lächelnden Offizieren in den Vorzimmern der Generäle gewartet und gewartet, um ſich mit Achſelzucken ſagen zu laſſen: daß man nichts für ſie thun könne! wie viele Schwierigkeiten hatte ſie über⸗ wunden, bis ſie endlich zu dem Fürſten gelangte, der die Knieende zwar gnädig aufhob, dann aber erklärte: daß er den Gerichten nicht vorgreifen dürfe, daß die Gerechtigkeit ihren Lauf haben müſſe. Und nun dieſes bitterſte Gefühl, daß ſie, ſie ſelbſt das Schickſal des Geliebten hatte bereiten helfen; daß ohne ihr Erſcheinen im Lager, ohne jene Nacht Münzer ſchwerlich ſich ſo weit von den Freunden entfernt hätte, ſchwerlich ſeinen Feinden in die Hände gefallen, am wenigſten lebend in die Hände gefallen wäre! Warum hatte ſie ihn nicht lieber ſich verbluten laſſen? warum das grauſame Mitleid gehabt, dem Kriegsgericht, das unter dem Vorſitz des Obriſten von Hohnſtein alltäglich ſeine Sitzungen hielt und alltäglich ſeine Bluturtheile publicirte, ein Opfer mehr zu überliefern?

Morgen ſchon ſollte er vor dem Gericht erſcheinen. Wie das Reſultat ausfallen würde, konnte nach dem, was ſchon geſchehen war, nicht zweifelhaft ſein. Schon waren ein paar jener Unglücklichen, die der Tod auf dem Schlacht— felde verſchont hatte, in den Wallgräben der Feſtung nieder— geknallt worden. Alle waren ſie muthig geſtorben; keiner hatte gezittert; keiner um Gnade gebeten. Würde Münzer um Gnade bitten? würde man ſie ihm gewähren, wenn er darum bäte? Aber wie ſollte er ſich dazu hergeben! Nein — ſein Schickſal war entſchieden, ſein Urtheil ge⸗ ſprochen, ſein Tod gewiß, wenn ihn nicht ein Wunder rettete.

Antonie fuhr von ihrem Sitze am Fenſter empor und ging händeringend in dem kleinen Gemache auf und ab. Sie war ſo in ihren Schmerz verloren, daß ſie ein Klopfen an der Thür, das ſchon mehrmals und jedesmal lauter ertönt war, erſt jetzt vernahm. In der Meinung, daß es

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die Tochter aus dem Hauſe ſei, die ſich in freundlich⸗ſtiller Weiſe um die unglückliche fremde vornehme Dame bemühte, ſagte ſie herein, ohne ſich nach der Thür umzuwenden.

„Verzeihen Sie, meine ſchöne Schwägerin —“

Antonie fuhr mit einem Schrei herum. Er war es wirklich! er wagte vor ihr zu erſcheinen! er!

Sie hob den Arm und deutete, vor Zorn und Haß und Furcht zitternd, bleichen Antlitzes nach der Thür.

„Noch immer ſo grauſam, ſchöne Schwägerin!“ ſagte der Obriſt, in deſſen dunklem harten Geſicht nur die ſtechen⸗ den ſchwarzen Augen zu leben ſchienen; „ei, ei! ich hatte mir in der That mit der Hoffnung geſchmeichelt, daß Sie mich heute freundlicher als ſonſt wohl empfangen würden. Aber, wie Sie wollen —“

Er machte eine Bewegung, als ob er gehen wollte; Antoniens Arm ſank herab.

„Sie ſind willkommen,“ ſagte ſie mit fliegendem Athem.

Der Obriſt lächelte.

„Alſo doch!“ ſagte er, „nun, wenn ich wirklich will⸗ kommen bin, ſo erlauben Sie mir, abzulegen; und dann laſſen Sie uns in aller Ruhe ein wenig plaudern, wie ein paar alte Freunde, die wir ja trotz alledem doch im Grunde ſind.“

Er hatte die Mütze auf den Tiſch gelegt und ſeinen Degen in eine Ecke geſtellt, dann ſich auf das Sopha geſetzt und Antonien mit einer halb höflichen, halb gebieteriſchen Hand⸗ bewegung eingeladen, neben ihm Platz zu nehmen.

Er lächelte wiederum, als Antonie zögernd ſeinem Winke Folge leiſtete; es kitzelte ihn das Bewußtſein, daß er Herr

der Situation ſei.

„Ich hätte Sie ſchon längſt aufgeſucht, liebe Antonie,“ ſagte er, langſam ſeine Handſchuhe abſtreifend, „aber Sie wer⸗ den mir wohl ſelber zugeben, daß die Grauſamkeit, mit der Sie in früherer Zeit die Huldigungen zurückwieſen, die ich Ihrer Schönheit und Ihrem glänzenden Geiſte brachte — ich erinnere Sie nur an die Scene, als ich an jenem Abend meinen glücklichen Nebenbuhler zum erſten Male bei Ihnen traf — mir die größtmögliche Vorſicht in meinem Verhalten Ihnen gegenüber zur Ehrenpflicht machten.“

„Und was führt Sie heute zu mir?“ fragte Antonie, die Augen ſtarr auf den Boden heftend.

„Ich habe, wie Sie ſich denken können,“ fuhr der Obriſt, als ob er die Frage gar nicht gehört hätte, fort, „Ihre Bemühungen zu Münzer's Gunſten mit einem pein⸗ lichen Intereſſe beobachtet — doppelt peinlich, weil ich ein⸗ mal die Erfolgloſigkeit dieſer Bemühungen voraus ſah, und ſodann, weil mir die Lage, in der ich mich Ihnen gegenüber befinde, noch mehr aber meine officielle Stellung als Richter in derſelben Sache, für die Sie, ſchöne Frau, mit ſo viel Muth eingetreten ſind, — ich ſage, weil alles dies es mir unmöglich machte, Ihnen meine Dienſte, wie ich es doch ſo gern gethan hätte, anzubieten.“

„Und was führt Sie heute zu mir?“ Antonie. 2 „Schenken Sie mir noch einige Augenblicke Gehör, ſchönſte Frau. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ich ſchon jetzt in Ihrem Intereſſe thätig geweſen bin. Ohne meine Fürſprache hätte die mehr als wunderliche Situation, in welcher Sie von unſern Leuten getroffen wurden, leicht ſchlimme Folgen Sie ſelbſt haben können; daß man Ihnen erlaubt hat, hier ungehindert ſich aufzuhalten, haben Sie nur mir zu verdankeu. Sie werden mir zugeben, daß dieſe Handlungsweiſe in Anbetracht der Empfindungen, welche

wiederholte

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