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„Todt oder lebendig?“
„Todt, Herr Obriſt.“
„Hole Sie der Teufel,“ rief der Obriſt wüthend, „wir mußten den Hund lebendig haben. Sie haben mir den ganzen Spaß verdorben. Wo iſt er?“
Von Hinkel deutete mit ſeinem Degen auf den Dahin⸗ geſtreckten. Der Obriſt ſpornte ſein ſchäumendes Pferd bis dicht an den Todten und blickte von oben herab in das bleiche, ruhige Geſicht. Die Piſtole, welche die erſtarrte Hand noch immer feſt hielt, und die ſchwarzen Blutstropfen, die langſam aus der Wunde in der Schläfe in das Haar rannen, bewieſen, daß Degenfeld nur zu wohl gewußt hatte, was ſeine Feinde wünſchten.
Der Obriſt ſchien ſich an dieſem Anblick nicht ſatt ſehen zu können; er murmelte unverſtändliche Worte durch die zuſammengekniffenen Zähne. Er war ein guter Haſſer; aber ſo wie dieſen Menſchen hatte er wenige gehaßt. End⸗ lich riß ihn ein wildes Geſchrei ganz in ſeiner Nähe aus der Starrheit, in die er verſunken war.
Balthaſar hatte mit Entſetzen Degenfeld's Ende ge⸗ ſehen, aber mit noch größerem Entſetzen, wie die von Mord⸗ luſt Wahnſinnigen über die Verwundeten herſtürzten und die Halbtodten mit Bajonnetſtichen durchbohrten. Er hatte den Einen, bei dem er ſich gerade befand, mit ſeinem Leibe zu decken geſucht; man hatte ihn hohnlachend auf die Seite geſchleudert; jetzt brachte ihn ein halbes Dutzend unter wüſten Schimpfwörtern und unbarmherzigen Kolbenſtößen herbeigeſchleppt.
„Bringt den Hund hierher!“ ſchrie der Obriſt. „Er ſcheint eine Art von Regimentsſchreiber oder ſo was vor⸗ ſtellen zu ſollen. Was hat er denn da für eine dicke Brief— taſche in ſeinem zerlumpten Frack?“
Es war eine Brieftaſche, die Cajus verloren hatte, als Balthaſar ihm den verwundeten Arm verband. Der Obriſt, der ſie ſich hatte auf's Pferd reichen laſſen, warf einen flüchtigen Blick hinein.
„Aha!“ ſagte er, „da haben wir ja einen Haupthalun⸗ ken! Das iſt der berüchtigte Cajus, meine Herren; hätten Sie geglaubt, daß der Kerl eine ſolche verſchneiderte Phy⸗ ſiognomie hätte? Der Kerl iſt ein Intimus meines ſauberen Herrn Neffen. Was weiß er von dem Burſchen? wo iſt er?“
„Ich heiße nicht Cajus,“ ſagte Balthaſar, „weiß auch nicht, wo mein lieber junger Herr in dieſem Augenblick iſt, und, wenn ich's wüßte, würde ich es nicht ſagen.“
„So? nicht ſagen? und warum denn nicht?“ fragte der Obriſt mit rohem Hohn.
„Weil Ihr ſeid, wie die reißenden Wölfe;“ erwiderte Balthaſar und ſeine ſonſt ſo milden blauen Augen flammten in heiligem Zorn auf; „weil Ihr die Erde beſudelt mit dem Blute von Männern, die beſſer ſind als Ihr; weil jeder gute Menſch ſich mit Abſcheu von Euch wenden muß.“
„Nun, wie gefällt Ihnen das, meine Herren?“ ſagte der Oberſt, ſich mit finſterem Lächeln im Sattel umwendend. „Aber wir wollen dem blaſſen Schuft das Predigen ver— treiben. Fort mit ihm an die Wand da und ſtopft ihm ſein Maul mit ein paar blauen Bohnen!“
Die Soldaten ſtießen Balthaſar nach dem Hauſe, aus deſſen Strohdach ſchon die Flammen leckten, und ſtellten ihn mit dem Rücken gegen die Wand. Er war ſehr bleich, aber er blickte feſten Auges, ohne mit den Wimpern zu zucken, auf ſeine Henker. „Ich will ruhig ſtehen,“ ſagte er, „aber dann martert mich nicht länger und ſchießt mich auf der Stelle todt.“
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Sie traten ein paar Schritte von ihm zurück und blick⸗ ten auf den Obriſt.
„Legt an!“ rief der Obriſt, der es ſich nicht nehmen laſſen wollte, dieſe Erecution ſelber zu commandiren; „Feuer!“
Die Schüſſe krachten; Balthaſar's zerſchmetterter Kör⸗ per fiel vornüber zur Erde. Die Flammen praſſelten hell ans dem niedrigen Dache heraus; der Rauch und die Fun⸗ ken flogen den Mördern in's Geſicht.
„Macht, daß Ihr weiter kommt!“ herrſchte der Obriſt die Soldaten an; „Vormärts, meine Herren, wir verbren⸗ nen ſonſt bei lebendigem Leibe.“
Er ſpornte ſein Pferd und ſprengte mit ſeiner Suite davon. Hinter ihm her wälzten ſich die Flammen des bren⸗ nenden Dorfes, ein furchtbarer Scheiterhaufen für die Vielen, deren todte Leiber auf derſelben Stelle lagen, die ſie, getreu der Sache, welche ſie für die rechte hielten, vertheidigt hat⸗ ten, ſo lange noch ein Athem in ihnen war.
Mit der Eroberung des Dorfes durch die Regulären war die Linie der Aufſtändiſchen vollſtändig durchbrochen. Es handelte ſich nur noch darum, fechtend die Hügel zu gewinnen, oder bei dem Verſuch zu ſterben. Wolfgang, der die gefahrvolle Lage der Seinen auf der andern Seite des Dorfes wohl bemerkt hatte, war in Verzweiflung; aber er konnte nichts für ſie thun; er konnte nicht einen Mann entbehren, und das eigene Leben war er den braven Bur⸗ ſchen ſchuldig, die für ihn, um ſeinetwillen ſo lange in dem furchtbarſten Feuer ausgehalten hatten und deren Rettungs⸗ hoffnung auf ihm und einzig auf ihm ruhte. So gab er denn mit ſchwerem Herzen den Befehl zum Rückzug. Unter beſtändigem Feuern, das den verfolgenden Feind in gehöriger Entfernung hielt, erreichte er den Wald, der ſich zum Glück auf dieſer Seite die Hügel hinab bis faſt an das Dorf zog. Als er den Blick noch einmal in das Thal zurückwandte, ſah er, daß die Regulären jetzt überall die Poſitionen beſetzt hielten, welche vor noch nicht einer Stunde die Aufſtändi⸗ ſchen inne gehabt hatten; ſah er von rothen Flammenſtreifen durchzüngelte ſchwarze Rauchwolken über die Stätte ſich wälzen, wo er die Freunde verlaſſen hatte, und daß dies der Tag war, deſſen tödtlichen Hauch Degenfeld's ahnende Seele nur ſchon zu lange umwittert hatte.
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Wehe den Beſiegten! — Grauenhaftes, ſcheuſeliges, die Menſchheit ſchändendes, uraltes Wort! wirſt du nie deinen fürchterlichen Sinn verlieren? wirſt du immer wie— der dein Gorgonenhaupt erheben und deine Schlangenhaare ſchütteln, ſo oft nur ein Kämpfer todesmüde am Boden liegt! wird die ſanfte Stimme des Mitleids, die uns das Unglück ehren heißt, immer ſchwächer ſein, als das heiſere Gekrächz des Rachedurſtes? wird nie der Sieger lernen, ſich der heiligen Nemeſis zu beugen, die jede Ueberhebung unnachſichtlich ſtraft, und noch jeden Hochmuth zu Fall ge⸗ bracht hat? Iſt es denn nicht ſchlimm genug: beſiegt zu ſein? in den Staub getreten zu ſehen die Fahne, für die man kämpfte? von der Gnade des Siegers zu leben? nur mit ſeiner Erlaubniß ſich zu erheben aus dem Staube? Brennt die Wunde nicht genug, daß man ſie noch ver⸗ giften muß? daß heulende Weiber, jammernde Kinder noch die ſchwere Hand fühlen müſſen, die den Gatten, den Vater
zu Boden warf? — Wirſt du nie, nie deinen Sinn ver—
lieren, grauenhaftes Wort?
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