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Turnen“ iſt nicht ohne geiſtigen Hauch. „Gehorſam iſt die erſte Pflicht“. Das Kind ſoll auf dem Turnplatze lernen, ſeine Glieder einem Willen gemäß zu bewegen, aber nicht dem eignen, ſondern einem fremden Willen gemäß, auf Com⸗ mando ſoll es blind gehorchen, und alle Bewegungen ſeines Körpers dem Willen des Obern dienſtbar machen.
Das Rothſtein'ſche Turnen unterwirft den Leib dem fremden Willen; das griechiſche, Jahn'ſche Tur⸗ nen unterwirft ihn dem eigenen, freien Entſchluß.
Darum ſind auch die Rothſtein ſchen Militärturnplätze keine griechiſchen. Wer in die griechiſche Paläſtra trat, mußte mit dem Curſus der harmoniſchen Ausbildung fertig ſein. Erſt Menſch, dann Soldat. Rothſtein ſagt: erſt Soldat, dann auch Menſch. Hier aber liegt der Punkt, wo ſchwediſches und deutſches Tur⸗ nen ebenſo ſchroff einander gegenüber ſtehen, wie der freie helleniſche Cultur dem techniſch geſchulten Barbarenthum.
Wir ſagten oben, das griechiſche Turnen habe die Har⸗ monie des Leibes und der Seele zum Zweck gehabt. Der Körper ſoll dem Willen als getreuer Diener gehorchen, und
zwar dem eignen. Sollten aber die Griechen Harmonie von Leib und Seele, die Schönheit des Einzelnen angeſtrebt haben, während ihnen eine Harmonie des Willens ſelber unbekannt war? Sollte der Wille frei über den Körper ſchalten, aber andern Willen gegenüber unfrei ſein? O nein, auch im Staats⸗ und Gemeindeleben war den Griechen das erſte Er⸗ forderniß Harmonie eines ſchönen Organismus. Im Organismus müſſen alle Theile zum Ganzen wirken, die Idee des Ganzen aber muß die Theile beleben. In der ſittlichen und politiſchen Welt giebt es alſo keine Harmonie, wo die Einzel— willen nicht aus freiem Entſchluß zum Ganzen ſtreben; denn Unfreiheit des Willens iſt ſeine Vernichtung. Daher war das Weſen der griechiſchen Staaten die Freiheit; Niemand hieß Staatsbürger, der nicht auch ſeinen freien Willen zur Geſetzgebung und Regierung äußerte. Und nicht mit Re⸗ präſentantenverſammlungen beruhigte ſich das griechiſche ſitt— liche Freiheitsgefühl; die Volksverſammlung entſchied über Ge⸗ ſetze, die Volksverſammlung wählte die Beamten, die Volks⸗ verſammlung führte in Athen und in andern Staaten die auswärtige Politik, Krieg und Frieden. Dieſer Gedanke der politiſchen Freiheit, die in der Harmonie freier Bürger beſteht, war das gemeinſame Band aller Griechen, wodurch ſie ſich vom Barbaren unterſchieden. Der Barbar war dem Griechen ge⸗ borner Sklav, weil er in ſeinem Staatsweſen nicht die Schön⸗ heit der Harmonie kannte: er gehorchte einem Despoten.
Weil aber der Staat der Griechen aus den Frei⸗Wollenden beſtand, ſtand Jeder gern mit Leib und Leben und mit ſeiner ganzen geiſtigen Kraft fürs Ganze ein. Dadurch erhielt das Turnen erſt ſeine höhere Weihe: keine Vollkommenheit des Menſchen ohne ein Vaterland der Freien und Gleichen. Das Turnen aber diente als Grundlage der Vaterlandsvertheidigung: dem Unfreien muthete man nicht zu, das Vaterland zu verthei⸗ digen, der Unfreie, der Sklave durfte nicht turnen. Despoten und Tyrannen ſchloſſen die Turnplätze. Als Pyrrhus von Epi⸗ rus mit ſeinem Söldnerheere nach Tarent kam, war ſein Erſtes, das Turnen zu verbieten; aber die Exercierplätze füllte er mit ausgehobenen Tarentinern. Sklaven führte man nur in die Schlacht, wenn man ihnen die Freiheit verſprach. Die Spar⸗ taner aber, deren junkerlicher Racenhochmuth ſich dagegen auf⸗ lehnte, Sklaven zu befreien, haben einſt ihren Heloten, die ihnen den Sieg erfochten hatten, zwar die verſprochene Freiheit wirk⸗ lich gewährt, aber gleich nachher ſie alleſammt wie Opferthiere an den Altären niedergeſtochen!
Mit dem turneriſch geſchulten Leibe vertheidigte der freie
Grieche ſein Vaterland. In den Paläſtren lernte der Athener den Dauerlauf in voller Rüſtung. Bei Marathon rannten 10,000 Athener die Höhen herunter in angeſtrengtem Laufe. Als die Hunderttauſende des Perſerkönigs ſie ſahen, fingen ſie an zu lachen über die Raſenden. Allein die wackern Turner brachen noch im Laufe in die Reihen ein und gewannen den Sieg über die zehnfache Zahl, durch Gewandtheit, Kraft und durch jene Charakterſtärke, die nur freien Vaterlandsgenoſſen eigen iſt, und nur in einem geſunden, kräftigen Leibe wohnen kann. Nach der Schlacht ließ ihnen der Feldherr Miltiades keine Ruhe; in geordneten Zügen mußten ſie an drei Meilen über's Gebirge marſchiren an die Weſtküſte von Attika, um der perſiſchen Flotte zuvorzukommen, die Athen überfallen wollte. Als die Perſer aber die Sieger von Marathon wie einen leben⸗ digen Wall am Ufer aufgeſtellt ſahen, kehrten ſie um zu ihrem König, der über viele Millionen Sklaven herrſchte.
Einen Marathonſieg erfechten können nur Turner, aber nicht ſolche, deren Körper einem fremden Willen blind gehorcht,
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ſondern die mit freiem Willen einem freien Vaterlande dienen.
Darin liegt der unvergängliche Ruhm der griechiſchen Perſerkämpfe. Deswegen war das Turnen volksthümlich, weil Jeder im Gymnaſium und in der Paläſtra die Freiheit ſeines Vaterlandes erturnte. Jeder Jüngling wetteiferte in körper⸗ licher Kraft und Gewandtheit mit dem Andern, um einſt das Vaterland vor tyranniſcher Gewaltthat zu ſchützen, denn nur ſo lange ſein Vaterland frei war, konnte er die menſchliche Vollkommenheit, die Harmonie der Schönheit in Geiſt und Leib anſtreben. Deswegen waren die olympiſchen Spiele ein Nationalfeſt, denn ſie legten lebendiges Zeugniß davon ab, daß der griechiſche Freiheitsgeiſt nicht erſtorben war. Erſt dann hörten ſie auf, nationalen Werth zu haben, als nicht freie Bürger, ſondern „Sportsmen“ und „Kunſtreiter“ ſich in Olympia tummelten, und nicht Harmonie des ganzen Menſchen, ſondern Virtuoſität des, geiſtiger Schönheit entbehrenden, Körpers zur Schau geſtellt ward.
Nun, lieber Leſer, wirſt Du wiſſen, warum die altgriechi⸗ ſche, Jahn'ſche Idee noch lange nicht bei uns Volksſache iſt. Sie iſt aufgenommen zu einer Zeit, wo man dem deutſchen Volke Einheit und eine freie Verfaſſung verſprach. Sie ſiechte dahin unter den Carlsbader Beſchlüſſen und dem ſengenden Hauch von 1849. Sie blühte empor 1813, 1848, 1858. Aber Sitte und Lebensgewohnheit iſt die Turnerei nicht ge⸗ worden aus folgendem Grunde: Ehe nämlich irgend eine Thä⸗ tigkeit Sitte und Gewohnheit werden kann, und noch dazu Sitte eines großen Volkes von vierzig Millionen, bedarf es anderer Triebfedern, als derjenigen, durch welche jetzt die Turner bewegt werden, ſolcher Triebfedern, wie ſie das griechiſche Leben in ſich ſchloß.
Die Mehrzahl unſerer Turner gehört der nicht zahlreichen denkenden Menſchenklaſſe an. Sie turnen nicht aus jener Art Inſtinkt, einer Gewohnheit gemäß, über die ſie ſich nicht Rechen⸗ ſchaft geben. Die Ueberlegung indeß, derzufolge ſie turnen, iſt nicht bei Allen dieſelbe. Die Einen turnen, um ihre Geſund⸗ heit und Körperkraft zu erhalten, theils im rein diätetiſchen Sinne, um ſich vor Unterleibsleiden und Hypochondrie zu ſchützen, theils im Jahnſſchen Sinne, um tüchtige, harmoniſch ausgebildete Perſönlichkeiten vorſtellen zu können. Andere tur⸗ nen aus Luſt und Freude an ihrer techniſchen Fertigkeit; man würde fehlgehen, wenn man ſie Kunſtreitern und Athleten gleichſtellte, denn ſie treiben mit ihrem Turnen kein Gewerbe; die Leibesübung iſt bei ihnen freie Kunſt, bei der freilich oft Künſtlereitelkeit als Sporn mit unterläuft. Andere turnen aus einer idealen Vaterlandsliebe, damit es der deutſchen Erde nicht
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