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ſowohl die Volksthümlichkeit, als auch das innere Weſen des altgriechiſchen Turnens im Auge und ſuchten beides in Deutſch⸗ land einzuführen, um die gleichen Früchte zu ernten. Leider waren die Nahrungselemente, aus denen das deutſche Turnen ſeine Säfte zog, Luft, Licht und Erdreich, keine altgriechiſchen.
Soweit Hellenen wohnten, im eigentlichen Griechenland, auf allen Inſeln und Küſten des äyäiſchen Meeres, in Unter⸗ italien und Sicilien, an den unwirthlichen Geſtaden des ſchwarzen Meeres, an der Nordküſte von Afrika, in Marſeille und Corſika, hatte jede griechiſche Stadt eine Turnſchule und eine Fecht— ſchule. Der Name der Turnſchulen iſt auch bei uns gewöhn⸗ lich für die höheren Lehranſtalten, deren lebendige Ueberlieferung an die Kenntniß des Alterthums anknüpft. Turnſchulen wurden Gymnaſien genannt, was von einem Worte herkommt, deſſen Bedeutung iſt: ſich üben, ohne Waffen und ſchützende oder hemmende Kleider zu brauchen. Die alten Griechen übten ſich nämlich auf den Turnplätzen nackt, um deſto freieren Spielraum jeder Bewegung des Körpers zu verſtatten. Sie übten ſich, um die harmoniſche Ausbildung des ganzen Körpers zu erlangen. Sie turnten nicht, um ſich zu einem beſtimmten Zweck ein— zuſchulen, etwa gute Reiter, gute Seeleute, gute Feldſoldaten zu werden, ſie turnten: um ihren Leib zur möglichen Vollkommenheit auszubilden, auf daß er zu jedem guten Werke geſchickt ſei. Man hat daher das Wort Gym⸗ naſium nicht ohne tiefliegenden Grund auf diejenigen geiſtigen Bildungsanſtalten übertragen, die eine Turnſchule des Geiſtes ſein wollen, nicht, um für eine beſtimmte Lebenslaufbahn dem Schüler die techniſchen Kenntniſſe und Kunſtgriffe beizu⸗ bringen, ſondern ihn durch Uebung ſeines Scharfſinns, ſeines Urtheils, ſeines Gedächtniſſes zu jeder menſchlichen Arbeit, ſo— weit ſie geiſtigen Antheil hat, geſchickt zu machen. Der alte Turnvater Jahn hat aber den altgriechiſchen turneriſchen Ge— danken der Gymnaſien wieder in's Leben gerufen! Seine Worte, in denen er das Ziel aufſtellt, ſind unzählige Male nachge— ſprochen und abgedruckt worden, ſie ſind aber ſo köſtlich in ihrer
Kürze und Klarheit, daß wir kein Bedenken tragen, ſie auch an
dieſem Orte anzuführen:
„Die Turnkunſt ſoll die verloren gegangene Gleich⸗ mäßigkeit der menſchlichen Bildung wieder herſtellen, der blos einſeitigen Vergeiſtigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen, der Ueberfeinerung in der wiedergewonnenen Männ⸗ lichkeit das nothwendige Gegengewicht geben und im jugend⸗ lichen Zuſammenleben den ganzen Menſchen umfaſſen und ergreifen.“
Ja, der ganze Menſch ſollte zu einem ſchönen Or mus heranwachſen, bei den alten Griechen und nach der Idee des alten ehrwürdigen Jahn; auch die Seele ſollte die gleiche nebung erhalten, und ſowie einſeitige Ausbildung eines Körper⸗ theils oder einer beſtimmten Körperfertigkeit, mit Vernachläſſi⸗ gung der übrigen Theile und Fertigkeiten den Griechen als häßlich und unharmoniſch galt, ſo zollten ſie ihren Beifall, ihren rein menſchlichen Beifall weder dem Athleten, der die Körperkraft zum Zweck ſeines Lebens geſetzt hatte, noch dem Gelehrten, der ſich linkiſch und ungeſchickt bewegte, ſchlotterig einherging und aus Mangel an Körperbewegung hypochondriſch wurde. Helles, klares Urtheil mußte mit Raſchheit den Willen lenken, dem Willen aber ſollte der Körper zu allem Dienſte gehorchen, kein Hemmniß in mangelhafter Ausbildung ihn lähmen. Und umgekehrt waren die alten Griechen der Mei⸗ nung, daß nur im geſunden Körper eine geſunde Seele wohnen könne. Sie wußten ſehr genau, daß Schwächlichkeit, Kränklich⸗ keit und Unbehilflichkeit des Körpers zwar nicht auf Kennt⸗ niſſe und Gedächtniß ſchädlich einwirkten, aber deſto ſchäd⸗
licher auf Urtheil und Willen. Gelehrte, die nur durch angehäufte Kenntniſſe und Gedächtnißkram glänzten, ſie; wenn der Mann der Wiſſenſchaft etwas gelten ſollte, dann mußte er ebenſo ein verſtändiger und entſchloſſener Politiker, ein braver Krieger und ein feinfühlender Kunſtfreund ſein. Das war das Ideal eines vollkommenen Griechen: der Leib geſchult im Gymnaſium, auf dem Turnplatz, die Seele wohlgeübt in Muſik, im Verſtändniß ſchöner Bild- und Bauwerke, und in Beredſamkeit, in derjenigen Kunſt, die Entſchloſſenheit des Willens innig paart mit Schärfe und Raſchheit des Urtheils.
Das war der tiefe Sinn der Gymnaſien, das ſollte auch die Turnſchule des alten Jahn beabſichtigen. Was iſt aber das Schöne anders, als die Harmonie? Nach Schönheit ſtrebten die Griechen, nicht nach der Regelmäßigkeit des Geſichts, nicht nach ſchönem Körperbau allein: die ſchöne Seele mußte aus jedem Blick, jeder Miene, jeder Körperbewegung hervorſchauen, und keine Disharmonie im Gliederbau, im Antlitz, in Gang und Stimme ſtörend ſich bemerklich machen. Turnen macht ſchön, ruft deshalb mit Recht einer unſerer verdienteſten Aerzte auch den Eltern zu ſchön, ſoweit man die Harmonie des ganzen, herrlichen Kunſtwerks darunter verſteht.
Neben den Gymnaſien oder Turnſchulen gab es noch Paläſtren oder Fechtſchulen. Die Gymnaſien vereinigten die Jünglinge und die Knaben; die Fechtſchulen die angehenden und gereiften Männer. In den Gymnaſien übte man ſich im Springen, Laufen, Werfen des Gers und des Diskus, einer Scheibe von Metall, im Ringen und, jedoch ſeltener und nicht Alle, im Fauſtkampf; in den Paläſtren nahm man Schild, Schwert und Lanze zur Hand; in den Turnſchulen übte man nackt, in den Paläſtren bekleidet, zum Theil mit Helm, Harniſch und mit Beinſchienen bewehrt. Dort war Schönheit, hier kriegeriſche Tüchtigkeit das Ziel, nach dem man rang. Auch bei uns giebt es eine Einrichtung, welche, wie die Paläſtra, auf den praktiſchen Zweck der kriegeriſchen Thätigkeit angelegt iſt.
Unſre Leſer haben vielleicht einmal etwas vom ſchwediſchen, Rothſteiniſchen und Militärturnen gehört. Vor nicht langer Zeit war ein heftiger Kampf entbrannt zwiſchen dem deutſchen Turnen und der ſchwediſch⸗Rothſteiniſchen Gymnaſtik. Rothſtein iſt Hauptmann in Berlin; das Syſtem, das er vertritt, hat er gebaut, den Anfang dazu aber hat ein der Heilkunſt zuge⸗ wandter Schwede, Ling, gemacht. Rothſtein verſchmäht den deutſchen Namen Turnen und legt ſeiner Leibesübung den alt⸗ griechiſchen Namen Gymnaſtik bei. Und doch giebt's keinen ſchärferen Gegenſatz, als die alte griechiſche Gymnaſtik und die Rothſtein'ſche Kunſt. Nicht die vollkommene Ausbildung des ganzen Körpers zur ſchönen Harmonie und zur Willffährigkeit unter den raſchen Entſchluß, nicht die freie Bethätigung aller möglichen Körperkräfte iſt es, was Rothſtein anſtrebt. Sein Turnbegriff iſt ein wunderlicher; keine Uebung erlaubt er, deren Zuſammenhang nicht mit der Idee des Menſchen nachweis⸗ bar iſt. Die Griechen meinten nun freilich, alle Bewegungen hingen mit der Idee des Menſchen zuſammen, und je freier er mit ſeinem Körper ſchalten könne, deſto mehr nähere er ſich der körperlichen Vollkommenheit. Solche Idee vom Menſchen ſcheint das ſchwediſche Syſtem nicht zu haben. Nach dieſer Anſchauung hat der Menſch vor Allem den Zweck nicht, freien Entſchlüſſen raſch zu folgen, ſondern dem Commando regelmäßig zu ge⸗ horchen. Deshalb ſind aus der Rothſtein ſchen Gymnaſtik alle Uebungen verbannt, deren Zweck nicht iſt, einen tüchtigen Reglementsſoldaten zu erzeugen. Das Militärturnen iſt freilich nicht das Einzige des Syſtems, auch würde man Rothſtein Unrecht thun, wenn man ihm unterlegte, daß er eine blos mechaniſche Dreſſur des Körpers bezweckte. Sein „pädagogiſches


