Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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wurden. Nur an wenigen Orten blieben Turnvereine beſtehen, wie Stämme eines Waldes, den ein Orkan darniedergeſchmettert. Es waren welche mit eiſerner Strenge und nüchter— nem Sinn an der rein körperlichen Ausbildung feſtgehalten

diejenigen,

hatten. In den Gymnaſien und Realſchulen wurde weiter⸗ geturnt. Eifer und Regſamkeit im Turnen hing von lokalen

Einflüſſen ab, von der Tiüchtigkeit einzelner Turnlehrer, von perſönlicher Vorliebe der Direktoren oder der ſtädtiſchen Be⸗ hörden. Seit dem November 1859 hat das Turnen zum dritten Mal einen Anlauf genommen. Die „neue Aera“ gab dazu den erſten Anlaß und die Worte König Wilhelms zu Gunſten der Turnerei beförderten mächtig den Aufſchwung derſelben. Tauſende von Graujacken erſchienen plötzlich auf dem Plan, den ſkeptiſchen, auch von einer neuen Aera nichts Neues hoffenden Gemüthern ein befremdliches Schauſpiel. Würden dieſe Tauſende nicht wieder in ihre ſpießbürgerliche Zurückgezogenheit verſchwinden, wenn die königliche Gunſt nicht mehr leuchtet? Hatte man den Sinn der königlichen Worte, die Regierungsverordnungen betreffs Einführung des Turnens und die Duldſamkeit gegen gewiſſe volksthümliche Feierlichkeiten nicht in gewohnter ſanguiniſcher Weiſe falſch gedentet und ſich in Täuſchungen eingewiegt? Der Augenblick der Feuerprobe iſt jetzt wieder gekommen, und es muß ſich zeigen, ob die Turnvereine genug inneren Gehalt haben, um der Ungunſt der Zeit gegenüber ihre Exiſtenz zu friſten. Das Jahr 1861 trieb wunderliche Blüthen. Wir haben die 170 fliegenden Fahnen der Turnerſchaften durch die Straßen Berlins ziehen ſehen; viertauſend Graujacken bildeten ihre Wache. Das Volk jauchzte; die Tricoloren wehten, die Blumen und Kränze flogen herab auf die Söhne des Volks, die den Glanz der olympiſchen Spiele des alten Griechenlands erneuerten. Altgriechiſche Gaſt⸗ freiheit hatte den deutſchen Turnern aller Gaue die Thore der Berliner Häuſer geöffnet; ein Geiſt wehte fühlbar durch Aller

Herzen, der ſeit 1813 nicht mehr verſpürt worden war. Eine einzige Weihe umſchlang Alle mit ſtarken Feſſeln: feurige

Liebe zum deutſchen Vaterlande. Wort zurück, daß das deutſche wurzle; verſöhn' Dich noch im Paſſow! Sieh Schwaben mit ſchlendert!

Alter Steffens, nimm Dein Turnen nicht im Volksleben Grabe mit Deinem Feind das bunte Treiben, wie der Turnerburſch aus dem greiſen Stadtrath Arm in Arm einher⸗ Nach ſolchem herrlichen Feſte, da muß doch Jung und Alt an Reck und Barren eilen! Wir ſind angelangt dahin, wo die Hellenen waren; die deutſchen Turnfeſte bringen uns die Sieger von Olympia zurück, die bei uns ein Kranz deutſchen Eichenlaubes ſchmückt; die Sänger werden nicht fehlen, die mit ihrem Lied ſich in die Reihen kraftſtrotzender Jüng⸗ linge miſchen, und das Vaterland kann ſtolz ſein auf die eherne Mauer S vielen Tauſende von Vertheidigern.

Aber ach! noch iſt die Stunde nicht gekommen, wo wir den alten Steffens, der freilich etwas hitzig im Streit war und zu bittern Waffen griff, erſuchen könnten, ſein Wort nehmen, Sieh da angelangt — Dieſer

zurück zu daß das Turnen bei uns nur Treibhausgewächs ſei. wir ſind unterdeß auf dem Turnplatz in Moabit ſieh, wie herrlich Jener ſeine Kraft entfaltet, wie ſich ſchmiegen kann, wie kühn der da, in Hemdsärmeln, die complicirteſten Bewegungen ausführt! Wie prächtig die Maſſen, die doch keine gedrillten Soldaten ſind, dem Commando folgen, auf Einen Schlag die Tauſende ihre Arme, Beine und den ganzen Rumpf bewegen! Aber ſieh, dort ſtehen 15 Mann ruhig da, und drei quälen ſich mit Sprüngen — dort lagert eine Riege, und der Vorturner verſchwindet unter den benach⸗ O weh! ich fragte Einen der 15: da ant⸗ wortet er, ein wohlbeſtallter Büreaubeamter, und ein Anderer,

barten Turnern!

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ein Referendar, und ein Dritter, ein Cigarrenkaufmann: Wir ſind erſt vorgeſtern in den Verein getreten, um das Berliner Feſt mitzumachen! — — Jetzt giebt's 120000 Turner in Deutſchland, aber wenn von den 4000 in Berlin höchſtens 2000 echte Turner waren, die ſich die Turnerei zur Sitte, zur Lebensgewohnheit erwählt haben, von der ſie nimmer laſſen wollen, bis die Kräfte verſiegen — ſo ſtelle man das S mit den 120000 an, und man wird vielleicht noch mit 2 dividiren müſſen! Das iſt eine gute Portion innerer Hohlheit, die in der ſcheinbar glanzvollen und volkst Wün Entfaltung des Turnweſens liegt.

Aber auch mißverſtanden hatte man die Regierungen. Das deutſche Volk, die Hunderttauſende in Berlin, jauchzten den Vereinsturnern zu. Die Regierung meinte das Turnen, nicht aber die Vereine. Wenn nun aber die preußiſchen Ver⸗ eine nichts Anderes treiben, als turnen; wenn ſie nachweislich alle politiſchen Allotria fernhalten, mit Ausnahme der Phraſen, deren ſich auch Schmerling zuweilen bedient, und der ominöſen Farben, die auch der Demagogenriecher Kamptz 1848 an ſeinen Hut ſteckte, warum, fragt ihr Zuſchauenden, will die Regierung nicht auch die Turnvereine? Die Schulen ſollen turnen, das Militär ſoll turnen, aber, aber — ja, wer iſt denn eigentlich in den Vereinen? Leute, die weder beim Militär ſind, noch Schulen beſuchen. Und wer hat denn bei den Griechen ge⸗ turnt? Alle, Alle; Knaben, Jünglinge, Männer, Mädchen und

Jungfrauen. Sollte darin vielleicht ſo ein ganz kleiner Punkt liegen, in dieſem Unterſchied, der den alten Steffens ein wenig rechtfertigt?

Auf der einen Seite iſt's unwiderleglich, daß trotz aller Bemühungen das Turnen noch nicht zur Sitte, zur Lebens⸗ gewohnheit des ganzen deutſchen Volkes geworden iſt; auf der andern ſteht es feſt, daß die Regierungen noch nicht ſich mit Ueberzeugung den Standpunkt des Jahn'ſchen Turnens ange⸗ eignet haben. Was das Erſte betrifft, wirſt Du ſelbſt, lieber Leſer, wenn Du Turner biſt, mir zu allererſt beiſtimmen; haſt Dich ſelber wohl oft bemüht, die lieben Freunde auf den Turnplatz zu bringen; aber vergebens, ſie kamen, ſahen — und gingen wieder, in's Wirthshaus, zur Karte, zur Frau, oder auch in Geſellſchaft, Die Herren vom Gericht haben Dir auf die Einladung zum Turnen erwidert: wir reiten, wir gehen ſpazieren, wir ſchieben Kegel, wir ſpielen Billard, um uns ge⸗ ſund zu erhalten; die von der Regierung vertrugen den Staub nicht, die Geiſtlichen — nein, ich irre mich, die haſt Du, o Turner, gar nicht eingeladen! Der Handwerker ſagte, er arbeite ſich am Tage müde genug, der Kaufmann konnte ſeine Rechnungen nicht früh genug ſchließen. Du ſelber ſiehſt mit Trauer, wie Deine Mitturner gehen und verſchwinden, Keiner hält aus, höchſtens 3, 4 oder 5 Jahre, und beginnt erſt der Stand der heiligen Ehe, dann wird die edle Turnkunſt nun gar penſionirt! Und wie viel Gönner zählt die Turnerei, die ſich überall als ſolche begrüßen und feiern laſſen von dem armen turneriſchen Plebs, ſelber aber ihre Anſtändigkeit preis⸗ zugeben fürchten, wenn ſie in Turnjacke unter den Turnern erſcheinen, oder gar ſich auf dieſelbe Bank mit ihnen ſetzten beim Glaſe Bier! Vorſitzende giebt's von Turnvereinen, die, leider ſei's geklagt, kaum in die dritte Vereinsverſammlung kommen, aber die Ehre überall genießen, populäre Vorkämpfer einer großen Sache genannt zu werden.

Das ſoll nun Alles kein Tadel ſein! Aber Niemand kann behaupten, daß bei ſolcher nicht ſehr erquicklichen Sachlage, das Turnen ſchon wahrhaft volksthümlich, wie bei den Griechen, eine Sitte, eine Lebensgewohnheit geworden ſei.

Die Urheber des deutſchen Turnens hatten bei ihrem Werke

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