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Aber freilich: wir wollen auch nicht vergeſſen, daß es, mit den Worten des größten Dichters zu ſprechen, wie des Schau⸗ ſpiels, ſo aller Kunſt „Zweck ſowohl anfangs als jetzt war und iſt, der Natur gleichſam den Spiegel vorzuhalten; der Tugend ihre eigenen Züge; der Schmach ihr eigenes Bild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck ſeiner Geſtalt zu zeigen“; wollen nicht vergeſſen, daß nur der Dichter für alle Zeit gelebt hat, der den Beſten ſeiner Zeit genug that; daß der Dichter den Beſten ſeiner Zeit aber nicht genügt, wenn er ſich kalt und gleichgültig von dem abwendet, was die Geiſter und die Herzen ſeiner Zeitgenoſſen bewegt, ſondern wenn er mit dem vollen Verſtändniß der Strebungen der Gegenwart die wärmſte Sympathie für Alles verbindet, was ſie erfüllt. Wir wollen dem Leſer keine Menſchen vorführen, die eben ſo gut im Monde, als auf Erden leben könnten, nein: „ein Geſchlecht, das ihm gleich ſei, zu leiden, zu weinen, zu genießen und zu freuen ſich.“ Wir wollen, ſoweit es unſere ſchwachen Hände vermögen, hineingreifen „in's volle Menſchenleben“, und die Menſchen menſchlich nehmen, wie ſie nun einmal ſind. Wenn dabei Manches zur Sprache kommt, was dem beſchränkten Unterthanenverſtande ewig verborgen bleiben ſollte, wenn dabei ſchlechte Menſchen und ſchlechte Muſikanten den Lohn empfangen, der ihnen gebührt, wenn wir die Heuchelei brandmarken, wie ſie's verdient, und den brutalen Egoismus — dieſe Peſt der Menſchheit — an den Pranger ſtellen, an den er gehört — wenn dies und anderes der Art geſchieht, ſo trete Keiner auf und ſage: wir dienten gefliſſentlich einer Partei — der Pfeil würde auf den Schützen zurückſpringen. Schlimm genug für die Partei, der wir in unſerm Kampf für die dreimal herrliche Majeſtät des Guten, Wahren und Schönen nicht dienen, und Heil, dreimal Heil der Partei, welche die erhabene Kritik der Dichtkunſt, vor der Könige zittern, nicht zu ſcheuen braucht, weil ſie ſich bewußt iſt, das Rechte zu wollen. O, daß ſie die⸗ ſes Bewußtſein niemals trübe, daß ſie niemals das Bündniß verletze, welches das Schöne mit dem Wahren ſchließen muß, mit der Lüge nimmer eingehen darf! Aber ſie wird es nicht, nimmermehr! ſie würde ſich ſelbſt verläugnen, ſie würde ihren Namen verhöhnen — der Fortſchritt der Menſchheit im Ganzen, wie unſeres Volkes, muß ſchlechterdings ein unend⸗ licher ſein. Stillſtand iſt Rückſchritt, iſt Tod — und was todt iſt, das verweſ't, um neuem Leben, neuem Weſen Platz zu machen.
Weshalb über Dinge, die ſo ſelbſtverſtändlich ſind, noch viel Worte verlieren? Dem Einſichtsvollen iſt es ohne weiteres klar, was die deutſche Fortſchrittspartei von der deutſchen Dicht⸗ kunſt und auf der andern Seite dieſe von jener zu fordern hat, und wie weit beide in einem ſolidariſchen Verhältniſſe ſtehen. Wir mußten dies Verhältniß erwähnen, um etwaigen Mißdeu⸗ tungen zu entgehen; aber der eigentliche Schwerpunkt der Frage: was ſoll die deutſche Fortſchrittspartei mit einem belletriſtiſchen Organ? liegt in der That ganz wo anders.
Belletriſtiſch kommt bekanntlich von belles lettres, und belles lettres heißt, wie Jedermann weiß, ſchöne Wiſſen⸗ ſchaft, oder als Plural: ſchöne Wiſſenſchaften. Damit hat man zu verſchiedenen Zeiten ſehr Verſchiedenes bezeichnet; in einer gewiſſen Periode unſerer Literatur verſtand man die ganze Poeſie in Pauſch und Bogen darunter. Der Ausdruck iſt in der That nicht ganz glücklich, weil er einen gewiſſen Wider⸗ ſpruch in ſich zu ſchließen ſcheint, und zu Mißverſtändniſſen leicht Veranlaſſung giebt. Er ſtammt von dem Volke, das ſeiner ganzen Eigenthümlichkeit nach dahin ſtreben mußte und in der That mit Erfolg ſtrebte, die Wiſſenſchaft aus der düſtern ſcholaſtiſchen Hülle zu ſchälen und in das Gewand der Schön⸗
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heit zu kleiden, um ſie in dieſer Form und Geſtalt möglichſt Vielen zugänglich zu machen. Sie — die Erfinder des Aus⸗ drucks und der Sache — die Franzoſen, ſagten ſich mit dem ihnen eigenthümlichen bon sens: was kann es nützen, daß die Wiſſenſchaft der ausſchließliche Beſitz einiger wenigen Philo⸗ ſophen iſt? Wir müſſen den tiefen befruchtenden Strom in tauſend Aederchen über das breite, weite Land leiten. Möglich, ja wahrſcheinlich, daß der Strom in Folge deſſen weniger tief werden wird, aber das iſt doch noch immer beſſer, als wenn wir das ganze Land verſchmachten laſſen. Die Wiſſenſchaft muß aus ihrem
engen Muſeum heraustreten in unſere Salons, damit wir nicht
in lauter Albernheiten untergehen; in unſere Handwerkerſtuben, damit Gevatter Schneider und Handſchuhmacher den beſchränk⸗ ten Unterthanenverſtand zu ihrem und unſerem Frommen ge— hörig ausweiten können; auf den Markt, auf daß das hungernde Volk geſpeiſt werde mit dem Manna des Lebens.
So ſagten ſie und ſo thaten ſie, und Alles in Allem thaten ſie recht daran. Vollkommen freilich iſt nichts auf der Welt und die Populariſirung der Wiſſenſchaften auch nicht, aber es iſt tauſendmal beſſer, daß tauſend Menſchen nach Bil⸗ dung ſtreben und ſich auf jede Weiſe zu unterrichten ſuchen, als daß Einer im ausſchließlichen Geheimbeſitz von Wiſſen und Bildung iſt und die übrigen Neunhundertundneunundneunzig Idioten und Heloten ſind und bleiben. Das haben die edelſten Geiſter unſerer Nation, die Leſſing, Göthe, Schiller, Humboldt ſehr wohl erkannt und Alle haben mächtig dazu beigetragen, das Verſtändniß und die Liebe für die höhere Geiſtescultur in den weiteſten Kreiſen zu wecken; und wenn der Fortſchritt, den un⸗ ſer Volk nach dieſer Richtung in den letzten hundert Jahren gemacht hat, ein ganz bewunderungswürdiger iſt, ſo haben wir es jenen ächten Fortſchrittsmännern zu danken.
Nun iſt aber Eins zu erwägen: der Fortſchritt war bis vor kurzer Zeit ein einſeitiger. Wir hatten uns, Dank den Klaſſikern und Romantikern, zu großen Aeſthetikern herangebil⸗ det, aber wir waren ſehr kleine Politiker geblieben. Das iſt erſt in allerjüngſter Vergangenheit anders geworden; aber — wir können es uns nicht verhehlen — noch nicht viel an⸗ ders; noch immer leben nur verhältnißmäßig ſehr Wenige im hellen Tageslicht der Politik, die große, ungeheure Mehrzahl der Nation vegetirt in dieſer Hinſicht noch immer in einer grauen Dämmerung, krankt noch immer an dem alten Indifferentismus, der weſentlich eine Folge der mangelnden Einſicht iſt. Faſſen wir dieſen Punkt ſcharf in's Auge; er iſt von der größten Trag— weite; ja, er iſt, recht betrachtet, das punctum saliens, der ſpringende Punkt der ganzen Frage: weshalb wir, trotz alledem und alledem, noch immer kein politiſches Volk ſind. Trotz alle⸗ dem und alledem! Was iſt denn geſchehen, um die große Menge — und in dieſem Verſtande gehören Alle, denen es an dem rechten politiſchen Verſtändniß und an dem rechten Intereſſe für die Fragen der Gegenwart fehlt, zur großen Menge — zu bilden? was iſt geſchehen, ihrem dunklen Drange methodiſch zu Hülfe zu kommen? ihren Indifferentismus ſyſtematiſch zu be⸗ kämpfen? Und, ihr Männer des Fortſchritts, täuſchet euch doch nur ja nicht darüber, daß alle eure großen Anſtrengungen ver⸗ geblich, ſo gut wie vergeblich ſind, wenn eure Frauen in dem alten Wahne fortleben und eure Kinder in dem alten Wahne erziehen! und ihr Frauen, begreifet doch nur, daß ihr nie die wahren Gefährtinnen eurer Männer ſein könnt, wenn ihr von den großen Dingen, die ihr tiefſtes Herz bewegen, an denen ſich ihr Hirn raſtlos abmüht, nichts verſteht, nichts verſtehen wollt; wenn ihr ihm, der aus der Kammer, von dem Rathhauſe, aus der Volksverſammlung nach Hauſe kommt, noch ganz voll von dem, was er gehört, ge⸗
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