Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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deutungen die Angelegenheit in das für ihn günſtigſte Licht ge⸗ rückt. Die Ruthe trifft am ſchwerſten den Rücken deſſen, der ſie gebunden. Mama vergaß ganz, daß dem Leichtſinn des jungen Mannes Vorſchub leiſten, ihm den Weg zur Hölle nur ebnen heiße; ſie dachte an nichts als an das bedauernde Achſel⸗ zucken der Kameraden ihres Gatten und der Damen ihres Kreiſes, vor allem an die heimliche Schadenfreude der Präſi⸗ dentin und dann war Otto immer ihr Lieblingskind geweſen, und Du lieber Gott, der arme Junge ſah ſo blaß und elend

Wir wollen ſehen, was ſich machen läßt! ſagte ſie, den Arm ihres Sohnes, den ſie in ihrem Zorn hatte fahren laſſen, wieder nehmend;ich will mit dem Vater ſprechen, und nun quäle Dich nur nicht ſo, daß Du am Ende gar noch krank wirſt. Laß Dir vor Allem der Tante gegenüber nichts merken; wir wollen etwas ſchneller gehen, damit unſer Zurückbleiben nicht auffällt.

Dies Zurückbleiben war in der That ſchon bemerkt und von der ſcharfſinnigen Aurelie ziemlich richtig gedeutet worden.

Der gute Otto wird heute etwas beſonders Schweres zu beich ten haben, meinte ſie.Wo ſeid Ihr jungen Herren denn heute Nacht noch geweſen, als Ihr von uns ginget? Herr von Brinkmann, dem wir heute Morgen zu Pferde begegneten, meinte: es würde bei Catalini wohl noch ein kleines Spielchen gemacht ſein.

Ah bah, Couſine, wie kannſt Du glauben, daß nach der Aufregung eines Balles, und noch dazu eines ſo deliciöſen Balles, die Aufregung des Spiels noch von irgend einem Inter⸗ eſſe ſein könnte.

Freilich, erwiderte Aurelie,beſonders für Jemand, um

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den ſich, wie um Dich, die hübſcheſten Damen reißen! braucht der noch die todten Kartendamen

Und doch ſoll auch Dein erklärter Anbeter, Herr von Brinkmann, dieſer letzten Sorte nicht ganz gram ſein.

Wer hat Herrn von Brinkmann zu meinem Anbeter er⸗ klärt? fragte das junge Mädchen, nicht ohne einige Heftigkeit.

Nun, ohne allen Grund wird er doch heute Morgen um ſechs Uhr nicht ſchon im Sattel geweſen ſein, lachte der Lieutenant.

Ich finde, daß Du den Scherz etwas zu weit treibſt, lieber Kuno, ſagte die Präſidentin, um ihrer Tochter, die aller⸗ dings den hübſchen Huſarenoffizier ganz beſonders auszeichnete, zu Hülfe zu kommen.

Ich habe nicht angefangen, zu necken, ſagte Kunv.

Dafür biſt Du auch Cavalier, und mußt Dir von den Damen etwas gefallen laſſen können, ohne ausfallend zu werden.

Kuno wollte etwas erwidern, hielt es aber für gerathener, die Mutter Camilla's, die er, ſo weit ſeine Blaſirtheit ein ſol⸗ ches Gefühl überhaupt noch aufkommen ließ, halb ihrer Schön⸗ heit wegen und halb aus Eitelkeit liebte, nicht zu erzürnen. Die Unterhaltung wollte indeſſen nicht wieder in Gang kommen, und man ließ ſich deshalb nicht ungern von den beiden Zurück⸗ gebliebenen einholen, die freilich in der Stimmung, in welcher ſie waren, ſehr wenig zur Heiterkeit der Geſellſchaft beitragen konnten Glücklicherweiſe ſah man, kaum im Dorfe Rheinfelden angelangt, das Dampfſchiff ſchon den Strom herabkommen. Wenige Minuten ſpäter ſtiegen die Brüder aus dem Boote, welches ſie vom Schiffe abgeholt hatte.

(Fortſetzung folgt.)

Was

Ein belletriſtiſches Hrgan der deutſchen Jortſchrittspartei.

Was iſt das?

Iſt es nicht ein Widerſpruch in ſich ſelbſt, oder, wie die Gelehrten ſagen; eine contradietio in adjecto? Was hat die deutſche Fortſchrittspartei, die doch in dem gewöhnlichen Ver ſtande ohne Zweifel eine politiſche Partei iſt, mit der Belle⸗ triſtik zu thun, die unter der Jurisdiction der Aeſthetik ſteht? Muß aus dieſer Vermiſchung ſo grundverſchiedener Sphären nicht eine Verwirrung entſtehen, die keiner derſelben zum Heile gereicht? Wird die rauhe Schwiegermutter Politik nicht das zarte Seelchen Phantaſie zu einem Aſchenbrödel in ihrem weit⸗ läufigen Haushalt machen? oder umgekehrt das zarte, flatternde, koſende, neckiſche Seelchen nicht überall der vielgeſchäftigen Frau in den Weg tänzeln und ihr die klare Ruhe, den tiefen Ernſt rauben, die ſie zu ihrem Wirken ſo dringend nöthig hat?

Dieſe und ähnliche Fragen und Bedenken ſind, ſeitdem wir in unſerer zweiten Probenummer den obigen erklärenden Zuſatz zu unſerm Haupttitel machten, von ſo verſchiedenen Seiten an uns herangetreten, daß wir unſere dritte (letzte) Probe⸗ nummer nicht in die Welt ſchicken können, ohne uns mit unſern Leſern über dieſen Punkt wo möglich ein für alle Mal zu verſtändigen.

Es würde dem Herausgeber dieſer Wochenſchrift, der, als Romanſchriftſteller (Ganz abgeſehen von dem Werth oder Un⸗ werth ſeiner Leiſtungen) doch immerhin ein Halbbruder des Dichters iſt, ſchlecht anſtehen, wenn er von der ſouverainen Hoheit der Poeſie einen ſo gar geringen Begriff hätte, daß er ſie ohne weiteres einer politiſchen Partei als gehorſame Scla⸗ vin ausliefern könnte. Er weiß ſehr wohl, daßalles Ver⸗

gängliche nur ein Gleichniß, und daß es des Dichters höchſte, ja, ſtreng genommen, einzige Aufgabe iſt, dieſes Gleichniß zu deuten, den unvergänglichen ewigen Sinn deſſelben zu enthüllen. Er weiß ſehr wohl, daß der Dichter ein Prieſter des Schönen, daß der Dichter ein Zeuge iſt, der, wenn einer, in dem großen Proceß der Entwickelungsgeſchichte des Menſchengeſchlechts die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu reden hat; er weiß ſehr wohl, daß, was der ganzen Menſch⸗ heit zugetheilt iſt, und nicht, worauf der Peter oder der Paul ſo hitzig verſeſſen ſind, das große, unantaſtbare, unver⸗ äußerliche Reich des Dichters iſt; ſchließlich hat er das Wort des Sängers wohl geleſen und wohl begriffen, das Wort: der Dichter ſteht auf einer höheren Warte, als auf der Zinne der Partei.

Ueber dieſen Punkt alſo mögen ſich unſere Leſer beruhigen. Wir wollen der hohen Würde der Dichtkunſt eingedenk bleiben; wir wollen aus dem reinen Golde der Poeſie kein politiſches Kapital ſchlagen, wenn wir es nicht können, ohne darüber zum Falſchmünzer zu werden; wir wollen nicht vergeſſen, daß wir jeder Partei, die es ehrlich meint, und vor allem der Partei, zu der wir uns bekennen, am beſten dienen, wenn wir die ewi⸗ gen Wahrheiten, die des Menſchenlebens eigentlicher Inhalt und Gehalt ſind, zum möglichſt vollendeten Ausdruck bringen; und wenn ja einmal unſere Hand vor leidenſchaftlicher politiſcher Erregung zittern ſollte, ſo wollen wir wieder und wieder auf die Herven unſerer Dichtkunſt weiſen, immer wieder daran er⸗ innern, daß nur, wenn wir die leuchtenden Spuren Derer ver⸗ folgen, die für alle Zeit gelebt haben, der wahre und rechte Fortſchritt möglich iſt.