Treffer,“ meinte der Lieutenant mit der objectiven Ruhe eines hiſtoriſchen Forſchers.
„Ach, Möllenhof kümmert mich am wenigſten,“ ſagte der Fähndrich, „der wartet ſchon ein paar Tage, und giebt auch Revanche; aber Abraham wartet nicht. — s iſt um ſich todt zu ſchießen!“ Und der junge Menſch ſtarrte aus den Augen verzweiflungsvoll vor ſich hin.
„Wieviel iſt es denn?“
„Fünfzig Piſtolen, und ich habe keinen rothen Dreier mehr.“
Deshalb meine ich, daß Du's der Alten ſagen mußt, und das je eher, je lieber.“
„Aber die Alte wird erfährt —“
Otto ſprang von ſeinem Sitze in die Höhe und ging ein paar Mal auf und ab, dann warf er ſich wieder auf die Bank.
„Weißt Du denn gar keinen Rath, Kuno?
Der Lieutenant zuckte die Achſeln. „Mir pumpt kein
Menſch mehr,“ meinte er. „S iſt ein Hundeleben,“ fing Otto nach einiger Zeit wieder an; „die lumpigen paar Thaler Gage und Taſchengeld, dabei ſoll ein Menſch anſtändig leben. Und der Alte hat nie Geld; ich möchte bei Gott wiſſen, wo er damit bleibt.“
„Vergraben thut er' nicht, darauf kannſt Du Dich ver⸗ laſſen,“ ſagte der ältere Bruder mit einem höhniſchen Lächeln.
„Dann ſollte er ſich aber auch gegen uns nicht immer auf's hohe Pferd ſetzen; was dem Einen recht iſt, iſt dem An⸗ dern billig.“
blöden
außer ſich ſein, und wenn's der Alte
„Möglich; aber damit kommſt Du nicht aus der Patſche heraus,“ der Lieutenant. „Hör' mal, Otto, wie wär's, wenn Du es Dem ſagteſt? — hier wies er mit der Spitze ſeines Degens auf das Schloß — vielleicht hat er heute ſeinen
guten Tag.“
„Ich glaube, Kuno, Du biſt verrückt!“ rief Otto, ſeinen
Bruder mit ungeheucheltem Erſtaunen, ja Schrecken anſtierend. hfrißt der Teufel Fliegen,“ ſagte der Lieutenant.
Otto dachte über den eben gehörten Vorſchlag nach, wie Jemand, dem zugemuthet wird, ſich aus einer Todesgefahr durch einen Sprung von einem dreihundert Fuß hohen Thurm zu retten, und ſchüttelte den Kopf.
„Es iſt unmöglich,“ murmelte er, „ganz unmöglich; ſag' ich es doch der Alten.“
„Oder wenn Du an Tante Antonie ſchriebſt?“
„Erſtens iſt ſie verreiſt, und zweitens glaube ich nicht, daß ſie noch einmal was herausrückt: wir ſind ihr in der letz⸗ ten Zeit zu oft gekommen; ich will's nur der Alten ſagen, die muß Rath ſchaffen.“
„S wird wohl auch das Beſte ſein,“ ſagte der Lientenant, das Taſchenmeſſer, mit welchem er ſich die Nägel beſchnitten hatte, zuklappend und aufſtehend. „Ich glaube, die Zeit iſt um, wollen ſehen, ob's was zu eſſen giebt; wird freilich wieder eine ſchöne Atzung werden.“
Das Frühſtück,
In der Noth
lieber
bei welchem ſich unter Madame's Vorſitz die Geſellſchaft zur beſtimmten Zeit zuſammenfand, übertraf in Hinſicht der Speiſen und Getränke, die trübſten Erwartungen des Lieutenants. Nichtsdeſtoweniger fand man einſtimmig die keineswegs friſchen Eier, den lederzähen Schinken, das ſaure Brod, die ranzige Butter ausgezeichnet, und der Lieutenant er⸗ klärte den herben, auf Rheinfelden ſelbſt gewachſenen Rothwein für deliciös.
Nach dem Frühſtück ſchlug die Präſidentin einen Spazier⸗ gang nach dem Dorfe vor, um das Dampfſchiff zu erwarten, welches um dieſe Zeit den Präſidenten und den Obriſten brin⸗ gen mußte. Alle machten ſich auf den Weg, mit Ausnahme
dern werden es D
40 Camilla's, die über Kopfſchmerz klagte und um die Erlaubniß bat, zurückbleiben zu dürfen.
Für den Fähndrich war jetzt die Stunde gekommen, wo er, wenn es heute überhaupt noch geſchehen ſollte, bei der Mutter vorbringen mußte. Mutter den Arm bot, ſo einzurichten, daß er mit dieſer ein wenig zurückblieb, während der Lieutenant die Tante und Aurelien mit ſeiner ung beglückte. Leider fand Otto
die Mutter in einer Stimmung, die ſeinem Plane wenig günſtig ſchien. Die Obriſtin war in einer fürchterlichen Laune. Sie ließ ſich in Worten, die für eine geborene Gräfin von Düren⸗ Blienfelde nicht immer ganz paſſend erſchienen, über die ihr zugefügten Unbilden aus, nannte Dame Brigitte eine freche Hexe, die Präſidentin eine alte falſche Katze, die jungen Damen abſcheuliche Zierpuppen — und wie ſich denn ſonſt ein heftiges, übelwollendes Gemüth in ſolchen Lagen Erleichterung zu ver⸗ ſchaffen ſucht.
„Aber ich fahre noch heute Abend wieder zurück,“ ſchloß ſie ihre Rede; „ich will mich nicht von den Hunden unter mei⸗ nem Fenſter die ganze Nacht um den Schlaf bringen laſſen, mag der Vater dagegen ſagen, was er will; kümmert er ſich doch auch in dieſer letzten Zeit weniger als je um meine Wünſche.“
Dies war nun freilich für den Fähndrich die ungünſtigſte Wendung, welche das Geſpräch nehmen konnte, indeſſen die Verzweiflung giebt Muth. Er bat die Mutter, den Vater doch ja nicht erzürnen, da er — der Fähndrich in einer „grau⸗ ſamen Klemme“ ſei, und nun kam, begleitet von einem kläg⸗ lichen Lächeln, das ſcherzhaft ſein ſollte, die klägliche Geſchichte, daß er ſich neulich, um Spielſchulden — eine Ehrenſchuld, ſagte der junge Mann — zu bezahlen, funfzig Louisd'or von Abraham Hirſch geliehen habe, daß Hirſch gedroht habe, ſich an den Obriſt von Nolte — Otto's Regimentschef — zu wenden, falls er nicht morgen Mittag zwölf Uhr das Geld in ſeinem Comtoir habe; daß bei den ſtrengen Grundſätzen des Obriſten zu erwarten ſei, er werde ein furchtbares Aufheben aus der „Lumperei“ machen, und wie zu befürchten ſtehe, daß er Otto) caſſirt werde, wenn die „Affaire“ nicht „vertuſcht“ würde.
Ein bis an den Rand volles Gefäß wird durch einen Tropfen zum Ueberlaufen gebracht, geſchweige denn durch einen Kübel Waſſer, der auf einmal hineingeſchüttet wird. Die Obriſtin gerieth über die Mittheilungen ihres trefflichen Sohnes außer ſich vor Zorn. Wenn ſie ihn nicht ohrfeigte, ſo geſchah es nur deshalb nicht, weil ſie ihrer Schwägerin die Freude eines ſolchen Triumphes nicht gönnen wollte; ſie begnügte ſich deshalb, den zukünftigen Offizier einmal über das andere einen dummen Jungen, einen Taugenichts, einen elenden Menſchen zu nennen, der durch ſeinen Leichtſinn ſeine arme Mutter noch in's Grab ärgern würde.
Der Fähndrich hatte ſchon zu oft im Feuer lichen Zornes geſtanden, um nicht zu wiſſen, wie er ſich in dieſer Lage zu benehmen habe. Er ließ die Mutter ſo lange eifern, bis er merkte, daß ihre leidenſchaftliche Hitze auf dein Punkte ſtand, ſich in Thränen aufzulöſen, dann ſagte er mit trefflich geſpielter Reſignation:
„Laß es gut ſein, liebe Mama; Du ſchaffſt mir durch Dein Schelten das Geld nicht, an dem mir Eurethalben mehr ge⸗ legen iſt, als meinethalben. Ich kriege höchſtens ein paar Wochen Arreſt und werde caſſirt; aber der Vater dauert mich,
ſein Anliegen Er wußte es, indem er der
des mütter⸗
denn ihm muß die Sache in ſeiner Stellung am ungelegenſten
kommen; und Du dauerſt mich auch, denn Tante und die An⸗ ir bei jeder Gelegenheit auftiſchen.“
Der ſchlaue Burſche hatte durch ſeine wohlberechneten An⸗


