Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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von Hohenſtein und ihre beiden Söhne, den Lieutenant Kuno und den Fähndrich Otto, in offenbar ſehr großer Verſtimmung, die bei dem unerwarteten Hereintreten der Damen einem ver⸗ legenen Schrecken wich.

Ah, Du auch hier, liebe Clotilde? ſagte die Obriſtin, ſchnell ihre Faſſung wiedergewinnend, und der Präſidentin mit offenen Armen entgegeneilend.

Wie Du ſiehſt, liebe Selma, entgegnete die Präſidentin, die Umarmung ſehr flüchtig erwidernd.

Nein, wie reizend! Wann ſeid Ihr denn gekommen? Und ihr Mädchen, wie friſch Ihr ausſeht! wie die Roſen! Keine Spur von geſtern mehr! Ihr könnt Euch ein Beiſpiel an Euren Couſinen nehmen, ihr jungen Herren.

Den beiden jungen Herren ſchien es allerdings ſehr noth, daß ſie ſich ein anderes, und wo möglich beſſeres Beiſpiel nah⸗ men, als das, welchem ſie offenbar bisher gefolgt waren. Wenn ihr bleichgelbes Ausſehen, die Mattigkeit ihrer waſſerblauen Augen und ihre ſchlaffe Haltung in der That nurSpuren von geſtern waren, ſo waren es mindeſtens ſehr ausgeprägte Spuren. Beſonders ſchien den Fähndrich das Leben ſchon ſtark mitgenommen zu haben. Sein Geſicht, auf dem ſich eben der erſte Flaum zeigte, hatte einen Zug, der an jene Greiſenhaftig⸗ keit erinnerte, die man oft bei ganz kleinen Kindern und bei vielen Affengeſchlechtern wahrnimmt. Der Lieutenant hatte ſich etwas beſſer conſervirt, was indeſſen weniger eine Folge der größeren Solidität ſeiner Grundſätze, als der etwas derberen Structur ſeines Körpers ſein mochte. Beide junge Leute waren lang, blond und ziemlich hübſch, und in allen dieſen Eigen⸗ ſchaften Ebenbilder ihrer Mutter.

Das Benehmen der beiden älteren Damen war trotz aller ſcheinbaren Herzlichkeit ein ſehr gezwungenes, ungefähr wie das zweier falſcher Spieler, die ſich nach den erſten Karten durch⸗ ſchaut haben und doch, um den Scandal zu vermeiden, die Partie ruhig zu Ende ſpielen müſſen. Der Obriſtin ſchien dieſe Rolle am leichteſten zu werden. Sie bedauerte, nicht geſtern Abend daran gedacht zu haben, daß man ja ſo gut hätte zuſammen herausfahren können. Der Obriſt komme um zwei Uhr mit dem Dampfſchiff auch der Präſident? nein, wie reizend ſich das trifft! Sie werden wohl auch noch zu früh kommen! Der liebe gute Onkel ſchläft gewiß noch. Wir ſtehen hier nun ſchon ſeit einer Viertelſtunde, und der Kilian er heißt ja wohl Kilian? den wir hineingeſchickt haben, kommt nicht wieder. Auch Madame läßt ſich nirgends entdecken. Habt Ihr denn ſchon das gute alte Geſchöpf geſehen? Auch noch nicht? Aber Kinder, da geht es Euch ja noch ſchlechter wie uns. Warum ſeid Ihr auch ſo früh von Hauſe gefahren! Und die armen Blumen, wie die ſchon verwelkt ſind! Wer wird aber auch ſo koſtbare Blumen kaufen? Ihr habt ja ein ganzes Vermögen hineingeſteckt! Da ſeht meine! die halten ſich beſſer und koſten nicht halb ſo viel!

Es Lönnen auch nicht alle ſo gute Hausfrauen ſein, wie Du, Tante Selma, bemerkte Aurelie, die ihrer Mutter zu Hülfe kommen zu müſſen glaubte.

Es haben auch nicht alle Leute ein Vermögen zu ver⸗ zehren, erwiderte die Obriſtin, auf der Präſidentin allbekannte Verſchwendungsſucht anſpielend.

Wahrſcheinlich wären dieſe Reibereien, zumal bei der augen⸗ blicklich ſehr gereizten Stimmung beider Parteien, wie ſchon oft bei ähnlichen Gelegenheiten, in einen Wechſel ſcharfer und be⸗ leidigender Worte ausgeartet, wenn nicht in dieſem Augenblicke Frau Brigitte, eine ungeheure Haube auf dem Kopf und einen gewaltigen Schlüſſelbund an dem Gürtel, oben auf der Gallerie, welche ſich um den ganzen, durch beide Stockwerke des Schloſſes

reichenden Flur zog, erſchienen wäre. Nachdem ſie, ſich über die Brüſtung lehnend, ein paar Momente die Geſellſchaft ge muſtert und ſich im Stillen an der kläglichen Situation der⸗ ſelben geweidet hatte, ſtieg ſie langſam die breite ſteinerne Treppe hinab, ſo daß die im Flur ſtehende hochadlige Geſell⸗ ſchaft hinreichend Zeit hatte, ſich auf die ſchmachvolle Rolle, die ſie zu ſpielen gezwungen war, vorzubereiten. Die Obriſtin war die erſte, welche ſich zum Unvermeidlichen entſchloß. Sie eilte Madame entgegen, faßte ſie, ſo wie ſie den Fuß von der Treppe auf den Flur ſetzte, bei beiden Händen und rief:Die gute, liebe Madame! Wie geht's? Nein, wie prächtig Sie ausſehen! Wahrhaftig, Sie werden mit jedem Jahre jünger.

Das iſt mehr, als man von den meiſten Leuten ſagen kann, erwiderte Brigitte trocken. .

Aber die Obriſtin ließ ſich ſo leicht nicht zurückſchrecken. Und wie geht es der lieben Excellenz? Noch nicht auf, wie ich höre? Laſſen Sie ihn ja ſchlafen, den guten alten Herrn! Beſſer, daß wir eine Stunde länger warten, als daß er um ſeine Ruhe kommt!

Excellenz haben heute Nacht ſehr ſchlecht geſchlafen und dürfen vor vier Uhr Nachmittags nicht aufſtehen, ſagte Bri⸗ gitte, nachdem ſie auch die Huldigungen der Präſidentin und ihrer Töchter mit derſelben beleidigenden Gleichgültigkeit ent gegengenommen.Die jungen Herren promeniren wohl etwas im Garten, während ich die Damen auf ihre Zimmer bringe; in einer Stunde wird im kleinen Saal das Frühſtück ſervirt.

Die Präſidentin und Aurelie warfen ſich bei dieſen letzten Worten klägliche Blicke zu, aber keine der Damen wagte gegen die Anordnungen der allmächtigen Haushälterin auch nur ein Wort einzuwenden. Stillſchweigend folgten ſie ihr die breite Treppe hinauf, und ließen ſich ohne Widerrede in die häßlichſten und unbequemſten Zimmer ſperren, welche im ganzen Schloſſe zu finden waren.

Die jungen Herren gingen unterdeſſen, wie Madame es befohlen hatte, in den Park, und ſchlenderten zwiſchen den ſeit einem Vierteljahrhundert nicht verſchnittenen Buchenhecken und den verwüſteten Beeten ziellos umher. Ihre Unterhaltung war, wie das zwiſchen Brüdern zu ſein pflegt, nicht eben lebhaft. Die Abſpannung nach der durchſchwärmten Nacht, welche ſie während des Reitens weniger gefühlt hatten, machte ſich jest doppelt geltend.

Ich bin müde wie ein Hund, ſagte Kuno, ſich auf eine morſche Holzbank ſetzend und die Beine von ſich ſtreckend.

Meinſt Du etwa, ich nicht? ſagte Otto, dem Beiſpiele des älteren Bruders folgend.

Die Brüder verharrten in ihrem öden Schweigen, bis Kuno plötzlich fragte:

Haſt Du's der Alten geſagt?

Wann ſoll ich's ihr denn geſagt haben? entgegnete Otto mürriſch und ſah dabei noch einige Jahre älter aus wie ge wöhnlich.

Es wird aber die höchſte Zeit.

Das weiß ich, brummte Otto in demſelben Ton.

Meinetwegen mach', was Du willſt! ſagte der ältere Bruder und gähnte.

Du haſt gut reden! rief der andere ärgerlich;wer war es denn, der heute Nacht nicht zufrieden war, bis geſpielt wurde?

Wer hat Dich denn geheißen, ſo unſinnig d'rauf los zu pointiren? 7

Schöne Frage! ich dächte, Du ſollteſt wiſſen, wozu ich Geld brauchte!

Der verdammte Möllenhof hatte wieder ſeinen alten

doch am beſten