Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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einalrath geſagt, und es iſt, wie Dein Vater meint, die höchſte Wahrſcheinlichkeit, daß er bis zu dieſem Augenblick noch kein Teſtament gemacht hat. Stirbt er aber, was Gott verhüten wolle, ohne Teſtament, ſo fällt die Erbſchaft zu gleichen Theilen an Deinen Vater und ſeine beiden Brüder.

Das würde dem armen Onkel Arthur gerade paſſen, meinte Aurelie lachend.

Uns aber deſto weniger, ſagte die Präſidentin.Onkel Arthur hat ſich durch ſeine Heirath mit dem Frauenzimmer, wie heißt ſie doch gleich! und nicht weniger durch ſeine de⸗ mokratiſchen Tendenzen die Gunſt des Onkels für immer ver⸗ ſcherzt. Macht alſo der Großonkel ein Teſtament, ſo iſt Alles gegen nichts zu wetten, daß er den Stadtrath ohne Weiteres von der Erbſchaft ausſchließt; bleibt alſo, da Onkel Ernſt, ich darf wohl ſagen, Gort ſei Dank! ohne Kinder geſtorben und Tante Antonie alſo, abgeſehen davon, daß ſie von Hauſe aus reich iſt, geſetzmäßig keine Anſprüche auf die Erbſchaft hat, bleiben alſo, ſagte ich, nur noch der Vater und Onkel Gisbert. Der Obriſt aber ſteht bei dem General ſehr ſchlecht angeſchrieben

Ich denke aber, der Vater auch nicht beſonders, wandte Aurelie ein.

Leider, leider, ſeufzte die Präſidentin;deſto größere Mühe müſſen wir, ich meine, müßt Ihr Euch geben, ſeine Neigung zu gewinnen. Launiſch und ſchadenfroh, wie er iſt, ſollte es mich gar nicht wundern, wenn er Euch Beiden Alles vermachte.

Aber klatſchend;

das wäre ja famos! rief Autelie in die Hände das ſollte ein Leben werden! Das Erſte wäre, daß wir den Park wieder in Ordnung bringen ließen, der wirklich jetzt wie ein Urwald ausſieht. Und dann müßte der alte Kaſten von Schloß da drüben neu angeſtrichen werden. Und dann alle Tage das Haus voller Gäſte, und Abends hier um den Teich herum farbige Lampions und kleine Gondeln und Grands dieux! wie ſich wohl Tante Selma ärgern würdel und Vetter Kuno und der himmliſche Otto! Habe ich Dir denn noch nicht erzählt, Camilla, welch' geiſtreiches Compliment mir Kuno geſtern Abend beim Cotillon gemacht hat?

Nun? ſagte Camiſi, die ſchmachtenden Augen neugierig eſhech Auf Ehre, Couſine! hier ſchlug das junge Mädchen die Hacken ihrer Stiefelchen klappernd zuſammen und wirbelte ein Oberlippe,auf Ehre, Couſine, Tanze ich mit Ca⸗ tanze ich mit Dir Deine Schweſter

ein Bal champétre!

imaginäres Bärtchen auf der ich bin in einer grauſamen Verlegenheit. milla, ſo glaube ich, ich müſſe ſie heirathen, ſo erſcheint es mir als eine Nothwendigkeit, ſitzen zu laſſen.

Der alberne Geck, ſagte Camilla, höhniſch verziehend.

Liebe Kinder, ſagte die Präſidentin,macht, daß Ihr in

den reizenden Mund

eine Lage kommt, wo Ihr, wie Tante Antonie, unter Euren Anbetern die Auswahl habt. Es liegt in Eurer Hand. Bietet

Alles auf, den Großonkel bei guter Laune zu erhalten. Es muß diesmal etwas Eutſcheidendes geſchehen. Aber dies lange Wartenmüſſen iſt wirklich ärgerlich; und auch Madame läßt ſich gar nicht blicken! Wir wollen nach dem Schloſſe zurück⸗ gehen, ob wir nicht wenigſtens etwas zu eſſen bekommen können; ich bin beinahe ohnmächtig vor Hunger! 8

Komm, liebes Mamachen! ſagte Aurelie, der Mutter den Arm bietend.Camilla, nimm Du die Blumen mit! Wir könnten ſie freilich eben ſo gut in den Teich werfen.

Die Damen hatten einige Schritte gethan, als ſie ſahen,

wie eines der blauen Rouleaux, auf welche ſie noch immer die

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ſehnſüchtigen Blicke gerichtet hielten, langſam in die Höhe ge⸗ zogen wurde. Eine rieſenlange Geſtalt mit einer weißen Zipfel⸗ mütze auf dem Kopfe, den oberen Theil des Körpers in eine weite flanellene Nachtjacke gehüllt den unteren Theil ver⸗ barg die hohe Brüſtung erſchien hinter den Scheiben.

Der Onkel der Großonkel! riefen Mutter und Töchter wie aus einem Munde.

Die weiße Geſtalt öffnete lehnte ſich hinaus.

hn Morgen, Onkel! riefen die Damen.

Die Entfernung zwiſchen ihnen und dem Schloſſe betrug vielleicht hundert Schritt; nur ein Stück Garten und der Teich lagen dazwiſchen. Es ſchien unmöglich, daß der General ſie nicht ſehen ſollte. Dennoch mußte es der Fall ſein. Er wandte den Kopf nach rechts, er wandte den Kopf nach links; er lehnte ſich noch weiter hinaus und blickte in die Stachelbeerbüſche unter dem Fenſter.

Hier, hier! ſchrieen die Damen und winkten mit den Tüchern.

Der General richtete den langen Leib empor, legte die runzlige Hand über die buſchigen Brauen und lugte ſcharf nach dem blauen Himmel. Als er auch dort Niemanden entdeckte, von dem die Rufe möglicherweiſe ausgehen konnten, ſchien er die Sache als hoffnungslos aufzugeben. Er ſchüttelte die Zipfelmütze und ſchloß bedächtig das Fenſter.

Hier, hier! riefen die Damen, aber die Stimmen klangen ſehr kläglich. Im nächſten Augenblicke war das blaue Rouleau wieder herabgelaſſen.

Er hat uns nicht geſehen! ſagte die Präſidentin, beinahe weinend.

Oder nicht ſehen wollen! ſagte Aurelie.Nimm's Dir nicht zu Herzen, Mamachen, wir wollen auch Alles thun, um dem Großonkel gefallen. Der Gedanke, einmal hier einen großen Ball geben zu können, iſt wirklich zu ſchön.

Die muntere Aurelie faßte die Mutter um die Taille und

den einen Fenſterflügel und

guten Morgen, Großonkelchen!

Jog ſie ſcherzend den Weg entlang, nach dem Schloſſe zu.

Camilla folgte langſam. Die feinen Brauen leiſe zuſammen⸗ gezogen und die ſeidenen Wimpern tief über die ſchwärmeriſchen Augen geſenkt, überlegte ſie:ob es wohl möglich, und wie es anzufangen ſei, daß der Großonkel ſie, Camilla von Hohenſtein, mit Uebergehung aller übrigen Verwandten zur alleinigen Erbin von Rheinfelden mache.

3.

Als die Damen durch die verfallene epheuberankte Pforte auf den Schloßhof getreten waren, ſahen ſie ſtatt ihrer Equi⸗ page, die man unterdeſſen in den Schuppen gebracht hatte, ein paar Reitpferde am Zügel umherführen und eine offene Kaleſche, von der eben die Pferde abgeſchirrt wurden. Dieſer Anblick ſteigerte die Verſtimmung der Damen, wenn das noch möglich war. Während ſie im Garten nutzlos promenirten, waren Obriſt's angekommen, hatten ſich jedenfalls bereits mel⸗ den laſſen und waren vielleicht ſchon vorgelaſſen worden.

Aber ich werde dem Großonkel ſagen, daß wir ſchon ſeit zwei Stunden hier ſind, rief die Präſidentin, die ſo viel Un⸗ fälle aus ihrer gewöhnlichen phlegmatiſchen Ruhe aufgeſchreckt hatten, indem ſie eifrig ihren Töchtern voran nach dem Schloſſe zu ging.

Auf der Schwelle der weitgeöffneten Hausthür überzeugten ſich die Damen indeſſen, daß ſie ſich ohne Grund ereifert hatten, denn ſie fanden in dem hohen, mit Steinflieſen ausgelegtem und rings mit Gallerien verſehenen, ſtattlichen Flur die Obriſtin