Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Schweſter verfallen war? und wie dann der milde Py⸗ lades ſich heldengroß aufrichtete und bei ſeinem Rufe:Je ein Aufruhr entſtand im Volke, daß bei dem Getöſe und den zuſtimmenden Rufen die Aufführung lange nicht fortſchreiten konnte? Oder ſchwebten deine Ge⸗ danken hinüber zu jener erſten Iphigenie? da dein Achill gegen die Eigenmacht und Tücke des Königs und des ſchürenden Prieſters, der nachher ſo ſeig iſt, im Zorne jenes

Calchas

vais sauver mon ami!

d'un trait mortel percé, sera ma premiére hinausſchleuderte in die erſchreckten Ohren, und in Einem Augenblicke das Parterre von Degengefunkel blitzte, denn die Edelleute hatten alle zu den Waffen gegriffen. Das waren deine Augenblicke! das konnteſt du. Du allein konnteſt auch neben den ſeligen, eliſäiſchen Gefilden mit dem Gemurmel ihrer Quellen und dem Flöten der zärtlichen Nachtigall die Schrecken des Tartarus hinlagern. Wie ſchmetterte das No! der Erynnien nieder mit dem Einſchrei der Poſaunen und dem Gellen der andern Wuchgeſellen, als wenn alle Kreatur und dazu die Felſen und Schlünde des Abgrundes ſich ganz ausgöſſen in den einen Schrei! Nachher, in Paris, haſt du es ſelbſt geſehen, wie Jean Jaques Rouſſeau tödtlich erbleichte, jedesmal, wenn jenes Rufes Augenblick herannahte. Dergleichen konnteſt du allein, kein Andrer vor und neben und nach dir, was ſie auch ſonſt vor dir voraus haben.

Und nun trittſt du in unſre Mitte!

O, wir haben viel erlebt und viel empfangen, ſeit deinen Tagen. Was du nur um deines Drama's willen und nicht gar zu gern in die Hand nahmſt, das Inſtru⸗ mentenſpiel, was iſt daraus geworden unter Haydn's und Mozart's Händen! zuletzt nahm Beethoven die Decke von unſern Augen und offenbarte das Feenreich, das ihr alle, ihr Aelteren, kaum geahnt habt, das ureigne Leben, das in dieſen hölzernen und blechernen Maſchinen verpuppt lag und nun die Pſycheflügel entfaltete, und im Schimmer aller Farben ſich emporſchwang, Geiſt von unſerm Geiſt, ein Leben vor uns aufführte voll Luſt und Leidenſchaft, voll Tiefſinn und That, ein ideales Leben, daß alle Dichter aufſtehen mußten und ſprechen: Siehe, ſie ſind worden, als unſer einer. Und dieſer Mozart! Er hat alles gekonnt und es auch oft genug ſelber geſagt: Zärtlichkeit und Intrigue, Unſchuld und Ueppigkeit, die Stimme des Kindes und des beſchaulichen Prieſters, des lüſternen Mohren, des abge feimten Bedienten und des verderbten vornehmen Herrn, Alles hat er gehabt und gekonnt. Einmal hat er ſogar dir nachſtreben können, im Idomeneus. Niemals wieder hat er ſich ſo hoch erhoben und ſo nahe heran rungen an den Ernſt des Drama's, als in dieſen Chören und Rezitativen. Die bekennen ſich zu dir, die drängen dir nach, wie dem ältern Meiſter der jüngere. Nur feſthalten am Führer mochte der Jüngere nicht, nicht einmal den Idomeneus durch. Neben den hochſtrebenden Weiſen hat er ſich das ſüße gedankenloſe

victime!

Spiel der Kehlvirtuoſen nicht verſagen mögen und hat ſich weggeſchlichen von dir zu den Welſchen. Dann bockte den Allerweltszauberer die bunte Welt, in der er ſelber lebte, mit ihrem Champagnerduft und dem Getreibe von kleinen Freuden und geheimen Schmerzen, dieſe ganze Privathiſtorie der modernen Welt. Was für Luſt war es ihm, all dieſe lieben, ſchlauen, verruchten Menſchenkinder in ſeinen Finalen, wie in einem üppig ſchäumenden und blühenden Ton⸗Ozean herum- und durch einander durchzuführen, wie kluge Masken die Verſchlingungen ihres Lockeſpiels und Tanzes durchſetzen und zuletzt lieblich oder ſtürmiſch zu löſen wiſſen.

Das konnteſt du nicht, du ehrlicher Alter! Und hätteſt du es gekonnt, du hätteſt es nicht gedurft und nicht einmal gewollt; denn woher hätt' uns das große Drama kommen ſollen, wenn du dich hätteſt dahin verlocken laſſen? An dir ſollte ſich offenbaren, daß die weltlenkende Vernunft ſich nicht nur in dem erweiſt, was ſie gewährt, ſondern auch in dem, was ſie verſagt. In Beidem zugleich iſt unſere Beſtimmung beſiegelt.

So ließeſt du denn das Klein-Weltleben mit ſeinen tauſendfach ſchillernden Leiden und Freuden dem jüngern herrlichen Meiſter und mußt dir es jetzt gefallen laſſen, wenn das häusliche Privatvolk dieſſeit des Rheines jenem nachjubelt und mit ihm weint und lacht und genießt, dich aber ſcheu mehr aus der Ferne beſtaunt, wie den greiſenden Aeſchylus, deinen Bruder, die Griechen. Das kann dich, du Fürſt der lyriſchen Bühne, nicht weiter kümmern, wenn überhaupt ihr da drüben für Erdenkümmerniß noch Sinn haben ſolltet. Dem Großen naht man in Ehrfurcht und frommer Zurückhaltung; nur Narren möchten ſich tändelnd vertraulich heranmachen. Du ſtehſt ruhig, gelaſſen im Herven⸗ kreiſe, den du um dich verſammelt. Da hebt Klytemnäſtra das ſchwere Augenlied und klagt dir mit dem Flammenblicke, den alle Thränenfluten nicht haben löſchen können, das Leid, das deine Weiſen nach Götterſpruch ihr auferlegt und das die eitle Hochzeit der Tochter nicht verſchleiern kann. Da reicht der Pelide dir die brüderliche Rechte, denn auch du warſt ein Held, ein Vorkämpfer im Ringen nach Wahrheit und Treue. Oreſt aber ſenkt das bleiche Antlitz; denn wem du die rächenden Eumeniden gezeigt, dem lächelt kein Glück mehr. Auch Iphigenie, die holde, hat für dich keinen Blick; nur auf dem bleichen Bruder weilt er voll Erbarmen und dein Auge ruht voll väterlicher Zärtlichkeit auf deinem holdeſten Kinde. So ſtehſt du groß und würdig im Kreiſe der Deinen. Und wo nur Sinn für das Hohe und Ewige lebt, wo man über das Kleine und Vergängliche hinaus⸗ begehrt zu den Höhen der Menſchheit, da wird man nach dir, du zweiter Aeſchylus, mit der hochtönenden Lyra im Arme, verlangen, aus deiner umkränzten Schale des Trunkes zu koſten, der uns zu Gedanken und Thaten der Unſterblich keit begeiſtert. A. B. Marx.

Der Zollverein und der franzöſiſche Handelsvertrag.

Von Otto Michaelis.

Der deutſche Zollverein iſt eine in der Geſchichte einzig daſtehende Schöpfung. Eine große Zahl ſouverainer Staaten verband ſich zu einer gemeinſamen Handelspolitik, und zu einer gemeinſamen Finanzpolitik in Bezug auf die wichtigſten indi⸗ recten Abgaben, für welche letzteren gleichzeitig Kaſſengemein⸗ ſchaft und Vertheilung der Erträge nach der Bevölkerungszahl eintrat. Die Vereinigung nahm außer den Grenzzöllen auch

die Rübenzuckerſteuer in ihren Kreis auf. Für die gemeinſame Erhebung der Conſumtionsabgaben von Branntwein, Wein, Bier und Tabak, ſo weit dieſe Artikel im Inlande erzeugt werden, wurde eine allgemeine Einigung nicht erzielt, es bildeten ſich für verſchiedene Gruppen der letzteren beſondere Verbände. Dieſelben erhoben zur Ausgleichung der unter einander verſchie⸗ denen Steuerſyſteme an ihren innerhalb des Zollvereins belegenen