Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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drei Stunden weit, glaub' ich, iſt das Reſt, weiß nicht gleich, wie es heißt; ſchien übrigens ein ſtaatsgefährliches Subject zu ſein, hat nur bei Demokraten gebettelt, auch bei Eurem Nach⸗ bar Becker.Lieber Himmel! kann die Frau Cantorin ſich nicht enthalten einzuwerfen,alle wohlhabenden Bauern im Orte ſind ja liberal, und bei Armen kann man doch nicht betteln. War übrigens ein ausgehungerter, ſpindeldürrer Schnei dergeſelle, der gewiß nichts Staatsgefährliches im Kopfe hatte. Der Polizeiverwalter und Schulzenamtsverweſer begniügt ſich, zur Wahrung ſeiner Würde die freche Sprecherin mit einem verächtlichen Seitenblicke zur Ordnung zu rufen, dann fährt er fort:Hat ja auch bei Euch gebettelt, Cantor, ſeid vielleicht auch ein Demokrat? und dabei widerſpricht das ſtechende Lauern ſeines Blickes der Grimaſſe des Mundes, der ſich anzulaſſen ſucht, als habe er eben ein gnädiges Späßchen vorgebracht. Dem Cantor wird es nicht ganz wohl zu Muthe unter dieſem Polizeiblicke, verlegen ſtottert er:Ein Demokrat! Das können Sie doch nicht glauben, Herr Polizeiverwalter?Nun, nun, gebt Euch nur, beſchwichtigt der Geſtrenge,es war ja nur mein Scherz. Könnt übrigens gleich zeigen, daß Ihr kein De⸗ mokrat. Iſt mir da etwas aus dem Landraths⸗Amte zugeſchickt worden, unterſchreibt das! Dabei ſucht er ein ſorgfältig ver⸗ wahrtes Papier aus ſeiner Taſche hervor, enthüllt es vorſichtig und hält es dem Cantor hin. Ein vielſagender Blick ſeiner Frau hindert dieſen am ſofortigen Zugreifen, zögernd fragt er: Was iſt es denn? Ehe ich unterſchreibe, muß ich es doch leſen.Iſt nicht nöthig, habe es auch nicht geleſen; kommt aus dem Landraths⸗Amte zur Unterſchrift, muß alſo unter⸗ ſchrieben werden. Iſt eine Adreſſe an den König, den die ver⸗ dammten Abgeordneten abſetzen wollen! Ein abermaliger Blick ſeiner Frau macht dem Cantor ſcheinbar neuen Muth, mit feſterer Stimme antwortet er diesmal:Herr Polizeiverwalter, ich achte und ehre meinen König, wie es einem chriſtlichen Unterthanen zukommt. Was die Abgeordneten wollen, weiß ich nicht, ſo ſchlimm, wie Sie es machen, kann es aber nicht ſein, denn ich kenne viele ehrenwerthe Männer darunter, die ſelbſt treue Diener des Königs ſind. Ueberhaupt bekümmere ich mich um Politik gar nicht, ich bin ein ſchlichter Dorfſchullehrer, dem es nicht frommt, auch nicht zukommt, ſich in Dinge zu miſchen, von denen er nichts verſteht. Verſchonen auch Sie mich gütigſt damit! Eine Zorneswolke überſchattet des Gewaltigen hoch⸗ geröthetes Antlitz, er erbleicht ſichtlich, ſeine Papiere wieder ſorgfältig zuſammenpackend, preßt er, mühſam an ſich haltend, heraus:Wollt alſo nicht unterſchreiben? Auch gut! Werdet ſehen! Aber ſchämt Euch vor Euren eigenen Schulkindern, haben viele. An der Thür hält er noch einmal inne und frägt leicht hingeworfen:Wie viel bringt Euch Euer Amt als Dorfgerichtsſchreiber ein?Gegen dreißig Thaler. Nun, werdet dann die Kleinigkeit um ſo eher verſchmerzen können; ſeid nachgerade zu alt geworden, muß mich nach einem Andern umſehen. Und fort iſt er; dem Cantor ſteigt es nach den Augen, gewaltſam aber bezwingt er ſich, wirft einen ſchmerz⸗ lichen Blick nach Oben und intonirt:Ehre ſei Gott in der Höhe!

Recht ſo, gebt dem höchſten Herrn die Ehre! erſchallt es plöblich hinter ihm in ſalbungsvollen Tönen. Erſchrocken dreht er ſich um, der eben eingetretene Pfarrer ſteht hinter ihm; er ſucht ſeine Frau, ſie hat geſchickt den günſtigen Augenblick benutzt, zu entſchlüpfen, er iſt allein mit dem Gefürchteten. Leutſelig nimmt dieſer den dargebotenen Stuhl ein, während der Cantor demüthig vor ihm ſtehen bleibt, auch keine Einla⸗ dung zum Niederſitzen erhält.Nun, fährt ſein geiſtlicher

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Herrſcher fort, dem ein weit geſchmeidigerer Ton zu eigen, als dem weltlichen Oberhaupte der Gemeinde,das ging ja viel beſſer, wie bei der Liturgie! Ja, ja, Sie werden doch etwas alt; haben wohl inzwiſchen ein Morgenſchnäpschen zu ſich ge⸗ nommen? Der arme Cantor wird ganz roth ob ſolchen Ver⸗ dachtes, faſt entſetzt ruft er aus:Schnaps, Herr Paſtor, Schnaps kommt nie über meine Lippen; das kann ich bei meinem Amts⸗ eid.Nur nicht gleich mit dem Heiligſten gefrevelt bei ſolcher Kleinigkeit, lautet die verweiſende Entgegnung,es ſollte ja kein Vorwurf ſein; bei Ihrem Alter könnte ſo etwas ſchon hingehen, zur Kräftigung, er hält zuwartend inne, und als der Cantor im Bewußtſein gekränkter Unſchuld ſchweigt, fährt er abbrechend fort:Sie waren geſtern im Armenhauſe? Bei wem?Bei der armen Müller, die dieſen Tag wohl nicht überleben wird, lag ſie doch geſtern ſchon in den letzten Zügen. Um Chriſti Barmherzigkeit willen läßt ſie um das heilige Abendmahl bitten.Sie hat Chriſtum verſchworen, ſie iſt aus der Landeskirche ausgetreten, mag ſie zur Hölle fahren!Sie mußte es ja thun, erlaubte ſich der Cantor ganz beſcheiden zu bemerken, dem es bei dem Gedanken an fremde Leiden faſt wie Muth überkommt,weil der Herr Paſtor ſie nicht mit ihrem jetzigen Manne trauen wollte, obgleich dieſer von ſeiner erſten Frau rechtskräftig geſchieden war.Schwei⸗ gen Sie, das verſtehen Sie nicht! herrſchte der erzürnte Seelen⸗ hirt, den jäh alle Sanftmuth verlaſſen.Ihr jetziger Mann! Sündhaftes Geſchwätz! Sie hat keinen Mann! Das Gericht kann keine Ehe ſchließen! Hat ſie der Kerl nicht ſchon wieder ſitzen laſſen, daß ſie nun der Gemeinde zur Laſt fällt?,Sie ſind falſch berichtet, Herr Paſtor, er iſt beim Bau verunglückt. Da haben Sie Gottes Gericht; aber das wollen die neuen Weltverbeſſerer freilich nicht erkennen. Nehmen auch Sie ſich in Acht!Ich?! ſchreckt der arme Cantor, den aller Muth ſchnell wieder verlaſſen, zitternd zuſammen.Ja, Sie! Was brauchen Sie in's Armenhaus zu laufen? Ein Diener der chriſtlichen Kirche hat bei einer Gottesläugnerin nichts zu ſchaffen! Aber Sie ſind auch ſchon von den neuen Ideen angeſteckt; Sie leſen den Sendboten!Ich?Lügen Sie nicht! Auch die freche Schullehrer⸗Petition iſt bei Ihnen geweſen!Ich habe ſie aber nicht unterſchrieben, findet der Cantor diesmal Zeit, mit leiſer Stimme zu erwidern.Iſt gleichgültig! Schon daß man ſie Ihnen geſchickt, verdächtigt Sie! Man mußte Sie doch kennen, man mußte doch wiſſen, daß auch Sie zu den Unzu⸗ friedenen, zu den Neuerern gehören. Haben Sie vielleicht die Loyalitäts⸗Adreſſe unterſchrieben?Nein! weil weil Weil auch Sie dem frechen Treiben zuſtimmen, das jetzt Gottes Oidnung umkehren, den Thron ſtürzen, die Kirche ſchänden, den Glauben aus der Welt vertreiben, das Chriſtenthum ausrotten und an Stelle deſſen die Unordnung, den Unglauben, die Gott⸗ loſigkeit und alle Sünden und Laſter erheben will! Er iſt aufgeſprungen, und es gewährt einen eigenthümlichen Anblick, vor dem jungen Manne, der erſt vor wenigen Jahren aus dem Prediger-Seminar entlaſſen worden, den ehrwürdigen Greis, zitternd, das von ſpärlichen weißen Locken umkränzte Haupt ge⸗ ſenkt, die Hände gefaltet, ſtehen zu ſehen.Nehmen Sie ſich in Acht! hebt der Eiferer noch einmal an,Sie ſind alt ge⸗ nug, daß ich aus Schonung für Sie Ihre Jahre als Grund Ihrer Emeritirung könnte geltend machen, und ich ſtehe für Nichts, wenn Sie die Adreſſe bis morgen nicht unterſchrieben haben! Gott erleuchte Sie! Mit einem unmerklichen Neigen des Kopfes entfernt er ſich; Zebrochen ſinkt der arme Cantor in ſich zuſammen, ſchaut dann verzweifelnd empor und intonirt unter Thränen:Ehre ſei Gott in der Höhe!

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