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desbrief edler und ſchöner Seelen entzweiriß. Der Notar, im Begriff, eine kleine Reiſe zu einem todtkranken Teſtamentsbe⸗ dürftigen anzutreten, hatte eine nicht unbedeutende Summe Geldes zur Aufbewahrung erhalten. Von der Zeit gedrängt — der Wagen ſtand ſchon vor der Thüre— hatte er das Geld nur obenhin in eine Schublade ſeines Schreibtiſches gelegt, und ſeinem Kopiſten befohlen, nicht von der Kanzlei zu weichen, bis Er, der Notar wieder zurück ſehn würde. Fortunat
verſprach Gehorſam, und leiſtete ihn auch bis die Abendglocke
Neun läutete. Um elf Uhr ſollte der Prinzipal wieder da ſeyn. Indeſſen, gleich nach neun Uhr, ließ ſich ein Stimmchen vor dem Fenſter der Schreibſtube vernehmen, dem Fortunat nicht widerſtehen konnte. Lieschen ſang halblaut auf dunkler Straße ihres Geliebten Lieblingsliedchen. Wie konnte er hin⸗ ter'm Dintenfaß verbleiben? Geſchwinde hinaus, und auf der Schwelle des Hauſes die verlockende Luſtwandlerin aufgefangen, und mit ihr gekoſt und geflüſtert, wie eben die ſtille Liebe gegen das Ende des platoniſchen Zeitraumes flüſtert und koſt, und— küßt.— Inſoweit war alles gut. Da fiel dem armen
Lieschen plötzlich ein, ſich zu ſchämen. Es gingen ſo viele
Leute vorüber! Wie leicht konnte Jemand ſie im Schatten
der Hausthüre des Notars erkennen, und dann war's um
ihren guten Ruf geſchehen!— Ihre Angſt trieb ſie in's ſtockdunkle Quergäßchen nebenan. Fortunat folgte natürlich,
um ſie zu beſchwichtigen. Nahe an dem Quergäßchen war
ein Garten mit wohlthätig ſchirmenden Bosketten, und zugäng⸗ lich leiden bei Nacht, wie am Tage. Das ſchüchterne Lieschen floh in den Garten. Um ihr zuzuſprechen, und um ihr


