Zeitschriftenband 
Band 4 (1846) Band 4
Einzelbild herunterladen

N

19

Du biſt der Meiſter, ſagte entgegen Dorothea mit freund⸗ licher Demuth. Der Doktor erröthete vor der Unbefangenheit der ſchlichten Jungfer. Schon hatte er dem Weſen, in deſſen Buſen er vertrauensvoll Freud' und Leid hatte niederlegen wollen, die erſte Lüge geſagt. Er eilte, aus dem Hauſe zu kommen.

Auf dem reizenden, von wilden Roſen eingefaßten Pfade zum Schloß ſagte dem Doktor die redliche Vernunft mehr als einmal: Bleib' doch weg, wo Du nicht hingehörſt, und reiße nicht verharrſchte Wunden wieder auf. Was wirſt du dort finden? Was erwarteſt du dort? Du kannſt und willſt dort nicht mit offner Stirne auftreten; ſchickt es ſich aber für dich, als ein Kundſchafter im Verborgenen ein Haus zu beſchleichen, das von dir nichts wiſſen will? eine Frau, die ſich längſt von dir getrennt? Halte den Frieden in deiner eigenen Bruſt und ſchone die Ruhe Anderer!

Dagegen ſträubte ſich die Eitelkeit, die Neugier, der plötz⸗ lich entſtandene fieberhafte Drang, zu wiſſen, wie ſich Klemen⸗ tinens Schickſal geſtaltet, ob ſie gehörig beſtraft worden wegen ihres vermeintlichen Frevels am erſten Geliebten. Ich will er⸗ fahren, ob es hienieden eine Vergeltung gibt, antwortete Her⸗ mann ſeiner Vernunft, und um ihn zu beſtärken in ſeinem Vorhaben, flüſterte ihm der böſe Trieb in einem fort zu: Du wirſt doch nicht feige ſein, und dich vor einer Begeg⸗ nung mit Maſchewsky fürchten? Dieſe Einflüſterung ent⸗ ſchied.

Da lag vor dem Doktor das offene Thor des Schloſſes, der leere Hof, umgeben von einem großen wenig beſchatteten