Jahrgang 
1855
Einzelbild herunterladen

228 Eine Wallfahrt zu den klaſſiſchen Stellen des Vierwaldſtädterſee's.

Gerade aus zog ſich der Heerweg nach Italien, die berühmte Gott⸗ hardſtraße

dem Strom der Reuß entgegen,

Die wilden Laufes von dem Berge ſtürzt. Am Abgrund geht der Weg und viele Kreuze Bezeichnen ihn, errichtet zum Gedächtniß Der Wanderer, die die Lawin' begraben

So beſchreibt der pfadkundige Tell dem Flüchtling Parricida den Weg. Und ſeid ihr glücklich durch die Schreckensſtraße, Sendet der Berg nicht ſeine Windeswehen Auf euch herab von dem beeisten Joch,

So kommt ihr auf die Brücke, welche ſtäubet, Wenn ſie nicht einbricht unter eurer Schuld.

Wenn ihr ſie glücklich hinter euch gelaſſen,

So reißt ein ſchwarzes Felſenthor ſich auf;

Kein Tag hat's je erhellt, da geht ihr durch; Es führt euch in ein heitres Thal der Freude. So immer ſteigend kommt ihr auf die Höhe

Des Gotthards, wo die ew'gen Seen ſind,

Die von des Himmels Strömen ſelbſt ſich füllen

Für den flüchtigen öſterreichiſchen Prinzen mochte es freilich damals ein halsbrechendes Wageſtück ſein, den Gotthard zu paſſiren. Heutzutage geht es viel leichter, ſeit Herr Ingenieur Müller aus Altdorf die neue Straße gebaut hat, mit ihren Gallerieen zum Schutz gegen des Berges Windeswehen und dieBrücke, welche ſtäubt, hoch über den Staub⸗ regen der brauſenden Reuß ſpannte. In ſeine Reiſekaleſche zurückgelehnt, würde heut Herzog Johann im Trabe durch'sſchwarze Felſenthor und an denew'gen Seen vorbeifahren und ſchon des andern Abends zu Mai⸗ land geruhig in der Skala ſitzen, vorausgeſetzt, daß die Mailänder Polizei nicht etwa im Dienſte derſtrengen Agnes ſtände.

Doch laſſen wir den Parricida ſeiner Straße gehen und folgen wir dem Doctor, der bereits den Pfad zur Linken eingeſchlagen hat und uns mit ſeinem gewaltigen Baſſe zuruft:

Kommt alle, kommt nach ſeinem Haus zu wallen, Und rufet Heil dem Retter von uns allen.

Ein ſchmales Gäßchen führt uns zuerſt zwiſchen Häuſern und hohen Mauern zum Flecken hinaus. Wo die Häuſer aufhören, fangen die koloſ⸗ ſalen Nußbäume mit den ſtolzen dunklen Kronen und die ſmaragdgrünen