Jahrgang 
1855
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Von Alfred Hartmann. 227

ſchmückt, ſind fort. An die Stelle der Linde, woran Tells Knabe ſich lehnte, als er den Apfel auf dem Haupte trug, hat ſchon vor etlichen hun⸗ dert Jahren der Dorfvogt Beßler einen ſteinernen Brunnen errichtet und ſein eigenes Standbild darauf geſtellt.

Schiller läßt den Geßler zum Tell ſagen:

Er nehme ſeine Weite, Wie's Brauch iſt achtzig Schritte geb' ich ihm Nicht weniger noch mehr

Es war aber bei den urneriſchen Armbruſtſchützen zu jeder Zeit Brauch, auf hundert Schritt das Ziel zu ſtellen. Deßwegen ſteht mit Recht der zweite ſteinerne Brunnen, welcher das Standbild Tells und ſeines Kna⸗ ben trägt, nicht mehr noch minder als hundert Schritte vom erſten und bezeichnet genau den Fleck, von welchem aus der Palnatoke von Bürg⸗ len den verhängnißvollen Bolzen nach dem Haupte ſeines Kindes ſchwir⸗ ren ließ.

Eine lange Reihe ſchwergepackter Laſtwagen fuhr eben über die heilige Stätte. Einige Enkel Tells in ſchwarzen Zipfelkappen und ſchmutzigen Blouſen, welche als Fuhrknechte die Roſſe lenkten, knallten gleichgültig mit ihren Peitſchen oder ſtaunten den neuen bunten Schild an, der über dem Thore des Poſthauſes prangte, das weiße Kreuz im rothen Feld und in großen Lettern die Aufſchrift:Eidgenöſſiſches Telegraphenbureau. An den beiden Brunnen wuſchen einige Töchter Mechthilds und Elsbeths Salat, ſchienen jedoch über ganz andere Dinge mit einander zu verhandeln, als über den Apfelſchuß. Die einzigen, die der Weihe des Ortes bewußt zu ſein ſchienen, waren ein paar hochaufgeſchoſſene blonde Jünglinge in Mütze und leichtem Flauſe und mit bunten Bändern um die Bruſt, die fleißig in ihre Brieftaſchen ſchrieben; es waren norddeutſche Studenten!

Vor uns lagen nun drei Wege offen. Der Pfad rechts hätte uns zur Reuß geführt und über dieſelbe nach Attinghauſen. Die Burg des alten Freiherrn, der Wappenſaal, wo er einſt

nach altem Hausgebrauch Den Frühtrunk erſt mit ſeinen Knechten theilte liegen längſt in Trümmern, während Walter Fürſts beſcheidenes Haus unter dem Schutz des Birn⸗ und Nußbaumwaldes, darinnen ſich das Dörf⸗ lein verſteckt, wohlerhalten den neugierigen Reiſenden noch heutiges Tages gezeigt wird. 5