226 Eine Wallfahrt zu den klaſſiſchen Stellen des Vierwaldſtädterſee's.
„Iſt's wahr, daß auf dem Berge dort
„Die Bäume bluten, wenn man einen Streich
„Drauf führte mit der Art?——“ meinte der Doctor.„Die Bäume ſind gebannt, das iſt die Wahrheit,“ war meine Antwort. Es war nämlich der Bannwald, der vom Berghang auf uns niederſchaute,— heute noch wie vor einem halben Jahrtauſend„die Landwehr des Fleckens gegen die Lawinen“ und die von den zerriſſenen Felswänden des Bannbergs herunterrollenden Blöcke. Wie lange mag's noch gehen, bis die franzöſiſchen Holzſpekulanten, die ſchon ſo manchen ſchönbehaarten Schweizerberg kahl gemacht, auch dem Bannberge die breite Wange raſirt haben werden, und zwar ohne Furcht vor dem gedrohten Spuck? Wäre es ja doch eine gar zu ſtarke Zumuthung an beſagte Holz⸗ händler, von ihnen zu verlangen, mit Mr. Schiller Bekanntſchaft zu haben!
So wie jetzt der Flecken Altdorf vor uns lag mit ſeinen ſteinernen Häuſern, mit ſeinen vielen Gaſthöfen und prunkenden Kirchen, ſo dürfen wir uns freilich das Altdorf von damals nicht vorſtellen. Zu jener Zeit waren noch keine Schmid, Müller, Zgraggen und Muheim Kriegsoberſten beim Papſt oder in der Guardia der Könige von Spanien und Frankreich geweſen und hatten ſich aus den heimgebrachten harten Piaſtern und Lilien⸗ thalern nach den in der Fremde geſehenen Vorbildern Steinhäuſer mit zierli⸗ chen Balkonen und allerlei Rococco⸗Ornamenten gebaut. Zudem hat im Jahre
799 der Föhnſturm mit der züngelnden Flamme hier eine wilde Braut⸗ nacht gefeiert, nach welcher vom alten Altdorf wenig mehr übrig blieb, als was aus hartem Stein gemauert war.
Zu Tells Zeiten mochte es im Hauptort des Landes Uri ausſehen, wie etwa jetzt in den entlegenen Dörfern des Schächen⸗, Maien⸗ und Ma⸗ deranerthals. Die Wohnungen der Erſten und Reichſten im Lande,—
„Von ſchönem Stammholz waren ſie gezimmert „Und nach dem Richtmaß ordentlich gefügt; „Von vielen Fenſtern glänzend, wohnlich hell, „Mit vielen Wappenſchildern bunt bemalt „Und weiſen Sprüchen—“
Ueber die Häuſer ragte aus der Mitte des Fleckens damals ſchon der uralteviereckige Thurm, an deſſen Mauer ein naiver Künſtler ſpäter Tells That al fresco verewigte. Im Hintergrund mochten ſich die neuen dräuen⸗ den Zinnen der Geßlerburg erheben. Von dem Allem ſteht nur noch der alte Thurm. Die Bäume, mit denen Schiller den Vordergrund der Scene
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