6. Mädchenbriefe.
auf Rechnung nehmen, und ſo können wir gar nie mit dem rechten Sparen anfangen, von dem wir doch ſo viel reden. Die gute Mutter rechnet ſich faſt zu Tode und iſt ganz glücklich, wenn ſie nur wieder weiß, wofür all unſer Geld ausgegeben wurde, aber draußen iſt's, das iſt gewiß.
Die arme Mutter freilich, die in Glanz und Herrlichkeit erzogen wurde und nun ihre letzte Kraft daran ſetzt, um mit den Künſten und Fertigkeiten, die der Zeitv ertreib ihrer jungen Tage waren, ihre Kinder zu erhalten!
Nun, ich hoffe einmal als Erzieherin eine recht glänzende Stelle zu erhalten, dann ſoll es die Mutter noch gut bekommen. Ich höre wirklich auch eine Vorleſung über Pädagogik; ich kann es oft kaum erwarten, bis ich junge Seelen bilden kann; am liebſten möchte ich eine Prinzeſſin er⸗ ziehen, damit die Keime, die ich in ihre zarte Seele legen dürfte, zum Baume würden, der ſeine ſegensreichen Aeſte über ein ganzes Land breitete!— Der Traum iſt kindiſch, aber göttlich ſchön!——
Wäreſt Du noch am Sonntag in der Kirche hier geweſen! nein, dieſe Predigt von Herrn Lambert! Er ſprach über des Chriſten Kampf und Sieg: Antworten auf die tiefſten Fragen unſeres Herzens. Ich hatte ein wenig nachgeſchrieben und wollte es Abends für Dich in's Reine bringen, aber Don Juan wurde gegeben, und obgleich ich die Mutter nicht gern zu der Ausgabe veranlaſſe, ſo meint ſie doch ſelbſt, es ſei für meine muſikaliſche Ausbildung nöthig; die Nina ſang einzig, ganz göttlich! Ja, was ich ſagen wollte, nun iſt mein Concept von der Predigt verwiſcht, weil's mit Bleiſtift geſchrieben war; ich hoffe ein andermal beſſer Zeit zu finden.
Deinen Hut, liebes Herz, will ich erſt beſorgen, wenn der meine fertig iſt, er muß ganz gleich werden:
Zwei Seelen und Ein Gedanke, Zwei Herzen und Ein Schlag.
Ich ſage Dir, der meine wird allerliebſt: weiß, auf der Seite nur Eine dunkelrothe Kamelia mit Sammetlaub, die Blume macht ihn ſehr theuer, aber die Mutter meint, es ſei beſſer geſpart, wenn man gleich etwas rechtes nehme, und es iſt wahr, die Kornblumen, die ich im vorigen Jahr kaufte, ſind noch wie neu; wenn man einmal wieder Guirlanden trägt, kann ich ſie gut brauchen.
Aber das Papier geht zu Ende und wie viel wüßt' ich Dir noch zu ſagen! Die Mutter ſchilt, ich ſoll nicht zu viel ſitzen, der Doctor fürchtet eine Bleichſucht, ich ſoll mir Bewegung machen. Bewegung im Schloß⸗


