Midchenbriefe. Von
Ottilie Wildermuth.
Liebſte Julie!
Kaum kann ich vor Wehmuth die Feder ergreifen, wenn ich denke, daß uns nun Berge und Thäler trennen, daß wir nun ſo lange, ach wie lange, keine Hoffnung haben, uns wieder zu ſehen. Du von mir fern, die Du meiner Seele innerſtes Meinen verſtanden haſt! Ich bin freilich nicht arm an befreundeten Herzen; da iſt Ida und Klara, die muntere Henriette und Irene, lauter intime Freundinnen, aber keiner, keiner kann ich ſo wie Dir alle Falten meines Herzens enthüllen!*
Aber was hilft das Klagen?
Entbehren und Entſagen Macht hier auf Erden reich, Das Finden und Erjagen Iſt nur für's Himmelreich.
Von mir und unſerem hieſigen Leben weiß ich Dir wenig zu berichten, es iſt immer das alte: um acht Uhr Klavierübungen, um neun Uhr italie⸗ niſche Stunde,— Du weißt, daß ich mit dem Engliſchen und Franzöſiſchen jetzt fertig bin,— um zehn Uhr Generalbaß(man ſagt uns, daß Kenntniß im Generalbaß wirklich immer von einer Muſiklehrerin gefordert wird); im Inſtitut höre ich nur noch Phhſik, Aſtronomie und die Theorie der Kochkunſt; Zeichnen und Singen,— bei Almorini!— treibe ich nur für mich allein. Es iſt mir leid, dieſe Stunden koſten die Mutter ungeheuer viel, aber ſie ſagt, es ſei ein Kapital für die Zukunft. Ich weiß nicht, wie das iſt, aber wir brauchen immer zu viel um ſparen zu können, und das Geld iſt wieder fort, ehe man dazu kommt, es einzutheilen, dann müſſen wir auf's neue
Hausblätter. Jahrg. 1855. II. Bd. 1


