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Von Heinrich Smidt. 443
Sie ſprechen von dem Grönlandsfahrer, der an ſeine Compagnie ſchrieb, er ſei ſo glücklich geweſen, 200,060,046 Robben zu ſchlagen. Ueber dieſe Botſchaft geriethen Stadt und Land in große Aufregung und man machte ſchon Anſtalt, die nöthigen Baulichkeiten herzurichten, um all den Robbenſpeck unterzubringen. Daß ein Schiff gar nicht im Stande ſei, nur einen Theil dieſer Rieſenmaſſen aufzunehmen, fiel niemand ein. End⸗ lich kam das Schiff und mit ihm die Erklärung, daß der Commandeur(Kum⸗ dühr ſagen ſie an der Elbe) 2646 Robben anmelden wollte, und weil ihm die Ordnung der Zahlen nicht genau bekannt war, ſchrieb er ſie hinter einander weg.
Ein anderer Capitain, erzählten ſie, habe ſeinem Rheder einen Sturm beſchrieben, dem er nur dadurch entgangen ſei, daß er 123 Anker habe fallen laſſen. Dieſe Nachricht verurſachte den Herren im Comptoir bedeuten⸗ des Kopfzerbrechen. Ein wohlgerüſtetes Schiff hat einen Tagesanker, einen Pflichtanker und einen Nothanker, ungerechnet die etwaigen Teu⸗ und Wurfanker, aber nicht 123. Man wartete mit Ungeduld auf die Ankunft des Capitains, der nicht wenig ungehalten über die falſche Deutung ſeines Berichtes wurde, denn er hatte einfach melden wollen, daß er eins, zwei, drei vor Anker gegangen ſei. Als man ihn auf die Ungehörigkeit der von ihm gebrauchten Form aufmerkſam machte, ſagte er halb verdrießlich, halb achſelzuckend:„Lieber drei Tage ſchweres Wetter als einen Brief.“
Ich kann nicht mitlachen, denn hinter dem Spaßhaften dieſer Ge⸗ ſchichten lauert ein bitterer Ernſt. Zwar ſteht der deutſche Seemann nicht mehr auf jener niedrigen Stufe, wie zu der Zeit, da dergleichen Geſchichten ſich ereigneten, oder ereignet haben ſollen. Er iſt aber auch nicht auf dem Standpunkt anzutreffen, den er ſo gut wie die Franzoſen und Engländer einzunehmen berufen iſt. Ich erinnere mich noch ſehr wohl der Zeit, da ich ſelbſt meinen Platz vor dem Fockmaſt hatte. Es iſt mir während meines neunjährigen Seedienſtes nicht einmal vorgekommen, daß einer der Schiffs⸗ ofſiziere mich zu irgend einer wiſſenſchaftlichen Thätigkeit, ſei ſie auch noch ſo unbedeutend, ermuntert hätte. Im Gegentheil! Führte der Zufall ein Buch in meine Sände, ſo wurde ich wohl gar wegen Zeitverderbniß geſcholten und den Matroſen nebenher eine ſpöttiſche Bemerkung über den großen Gelehrten hingeworfen. So etwas mußte man dazumal nur einem deutſchen Matroſen ſagen. Sogleich fing ein unbarmherziges Hänſeln an, und der Märtyrer der Wiſſenſchaft konnte ſeinem Gott danken, wenn ſein Buch über


