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Von Edmund Hoefer. 437
nen aus den Augen; ſie ließ den Kopf auf die Schulter der Mutter ſinken, und es war, als wollte ſie ſich die Seele ausweinen.
Erſt nach einer langen Zeit, als der erſte heftige Schmerz zwtche fragte Frau Hake ruhig und milde:„Und wann willſt du antworten und wann ihn ſehen?“—„Muß ich ihn ſehen, Mutter?“—„Du mufßt, mein armes, altes Kind,“ war die Antwort in feſtem, aber auch jetzt nicht hartem Ton.„Das biſt du nicht deinem Stande und deiner Stellung, ſondern dir ſelbſt, dem Menſchen, und der Würde und Ehre ſchuldig, die Gott in jedes ſeiner Menſchenkinder hineinlegt. Ruhe dich jetzt aus. Morgen ſchreibe dann ein Datum und eine Stunde, eine gebührende Anrede darüber, eine höfliche Empfehlung darunter,— nichts mehr. Ich werde adreſſiren.“ Alſo geſchah es auch.
Die folgenden Tage bis zu dem, welcher dem Grafen beſtimmt wor⸗ den, verfloſſen in ungeſtörter Stille und Einſamkeit; das tägliche Leben ging ſeinen einförmigen Gang; faſt keine Beſchäftigung ward unterbrochen, kaum etwas blieb liegen oder wurde vergeſſen, was ſonſt und gewöhnlich zu dieſer oder der Stunde geſchah. Es liegt aber etwas unſagbar Schwer⸗ müthiges darin, wenn man in ſo tiefer Trauer und ſo ernſtem Schmerz noch all' die gewohnten kleinen Tagesgeſchäfte ſorglich und anhaltend weiter verſieht; es iſt faſt, als werde man ſich erſt da recht ſeiner ganzen Noth bewußt. Natalien kam manchmal eine ſtille, helle Thräne in die Augen, wenn ſie ihre Blumen begoß, die kleinen Vögel fütterte, ihre Bibliothek ordnete und abſtäubte; es trauerten in ihr all' die Stunden, wo ſie früher daſſelbe gethan, und all die Träume, die dann ſo goldig ſchön und rein ſie durchzogen. Und einmal, als ſie das Begießen der Pflanzen zwei Tage vergeſſen und erſt daran dachte, bis ſie ein ſchönes, damals aus dem Walde mitgebrachtes Farrenkraut ſein zartes, empfindliches Laubgefieder krank
hängen laſſen ſah, da brach ſie wieder in ſtürzende Thränen aus.
Etwa acht Tage nach dem Empfange des Briefes erwartete ſie den Grafen in einer ſtillen Nachmittagsſtunde, die vorausſichtlich durch keine Beſuche geſtört werden konnte. Als die Hausglocke gezogen ward, drückte die Räthin ſtill der Tochter Hand und zog ſich in ein Nebenzimmer zurück. Natalie erhob ſich von ihrem Seſſel erſt, da der Graf in's Zimmer trat; ſie war bleich und kalt, und als er mit einem leidenſchaftlichen Ausrufe ſich ihr zu Füßen warf, ihre Hände ergriff und ungeſtüm küßte, zog ſie dieſelben leiſe aber unwiderſtehlich zurück und ſagte mit klarer, wenn auch nicht lauter


