Jahrgang 
1855
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436 Bei den zwei hohen Tannen.

vernichtet werde. Vergeblich habe ich vor ihnen auf den Knien gelegen und gefleht und umſonſt Tag für Tag mein Flehen wiederholt. Ihre ſonſt ſo gütigen Herzen ſind hart in dieſem Fall und es bleibt bei dieſer furchtbaren Alternative. O über das Elend, welches der Stand mir auferlegt! O über dieſe erbärmlichen Vorurtheile der Geſellſchaftsclaſſen! Sie brechen wieder ein treues Herz, wie ſie ſchon ſo viele gebrochen.

Natalie, ſo muß ich Ihnen denn entſagen; aber es geſchieht mit blu⸗ tigen Thränen und mit dem Elend eines ganzen langen Lebens. Ihnen dies mitzutheilen, geliebtes Mädchen, durfte nicht länger aufgeſchoben werden. Und da ich bei meinem zweimaligen kurzen Aufenthalt in der Stadt weder die Gelegenheit fand, noch die Kraft gehabt haben würde, Ihnen unvor⸗ bereitet hievon zu ſagen, ſo wählte ich den brieflichen Weg. Jetzt jedoch, wo Sie es wiſſen, flehe ich Sie an, mir ein letztes Sehen zu bewilligen. Es wird das letzte Glück dieſes Lebens ſein, o ein ſchmerzliches und doch ſo ſüßes Glück! Unter dieſen Umſtänden haben meine Eltern nichts gegen ein letztes Zuſammenſein, und auch Ihre Frau Mutter wird ſicher nicht dies letzte uns verweigern.

Laſſen Sie Ihre himmliſche Güte mir bald einen Tag und eine Stunde nennen. So ſchnell wie möglich will ich aus dieſer Gegend fort, wo mich alles an das Glück erinnert, das mein war und das ich doch ver⸗ loren geben muß.

Leben Sie wohl bis dahin und denken Sie in Ihrer Trauer auch an das namenloſe Elend, an das unrettbar verlorene Glück

Ihres Leo Graf Wildenaer.

Als Natalie todesſtarr und kalt zu Ende geleſen, ſtand ſie auf, legte den Brief vor ihre Mutter auf den Tiſch und verließ ſtumm das Gemach. In ihrem Zimmerchen ging ſie leiſe mit unhörbaren Schritten auf und ab, den Kopf in die Hand gelegt, und es bewegte ſich nicht ein Zug in ihrem ſchönen, bleichen Geſicht. Ihr war zu Muth wie aber ein ſolches Wie? läßt ſich weder nennen noch beſchreiben.

So traf ſie noch die Mutter, welche etwa eine Stunde darauf eintrat; die harte, hochmüthige Frau ſah milde und ſelbſt traurig aus. Sie legte den Brief ſchweigend auf das Klavier, trat dann zu der noch immer auf und nieder gehenden Tochter und ſchlang, ohne ein Wort dabei zu ſagen, feſt ihre beiden Arme um ſie. Da ſtürzten dem armen Kinde plötzlich die Thrä⸗