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434 Bei den zwei hohen Tannen.
ſo erhob ſich dieſe jetzt zur vollſten Schätzung und Hochachtung, wenn ſie ſah und hörte, wie gewaltig der Mann mit den Geiſtern ſeines Innern rang, wie gewaltig er ſie beherrſchte und verſchloß, daß kein Auge ihr wirk⸗ liches Weſen ſah und kein Kopf es ahnte.
Mitleiden und Hochachtung! Es war warm in ihr für den wackern, tüchtigen, edlen Mann. Sie hielt ihm zu gut, was ſeine Umgebung be⸗ unruhigte oder verſtimmte. Sie wußte, daß dies Aufbrauſen, dieſe Em⸗ pfindlichkeit nur aus einem tief wunden Herzen kommt. Das iſt nicht mit dem Maßſtabe der Alltäglichkeit zu meſſen, und niemand weiß, wo ſeine wunden Stellen ſind, und niemand kann verlangen, daß ſie hier oder dort nicht wund ſein ſollen. Natalie war auch gerechter dagegen als die Men⸗ ſchen gewöhnlich, welche bei Beurtheilung grade ſolcher Charakterfehler nur an die Aeußerung und nie an den Grund derſelben zu denken pflegen. Viel⸗ leicht geſchah das freilich nur, weil ihr ſelbſt von ihm ſtets und allein die ruhige, milde Männlichkeit entgegen getreten war. Aber auch für die Anderen entſchuldigte und erklärte ſie liebevoll und mit nie getrübter Hoch⸗ achtung ſein Weſen. Und mehr als einmal träumte ſie tief, wie ſchön doch eine ſolche Natur ſei, wie friedensvoll es ſich in ſolchem Schutz, in ſolcher Kraft leben und ruhen laſſen müſſe. An ſeine Kränklichkeit dachte ſie kaum, die faßte ſie nur als eine nothwendige, obſchon beklagenswerthe Folge auf. Aber es war in ihr eine wahrhafte Trauer über das Schickſal, welches dieſe edle Natur von ihrer rechten Blüthe zurückhielt, den rechten Lebenskreis ihr unrettbar verſchloß. Es vermochte niemand zu helfen als ſie ſelbſt. Und ſie eben konnte und durfte es nicht.
Dies alles zog in gedrängter Reihe in den langen, einſamen Morgen⸗ ſtunden durch die Seele des Mädchens.
Gegen Mittag ging ſie hinüber in das große, reich aber ſteif eingerich⸗ tete Wohnzimmer und ſetzte ſich wie gewöhnlich an ihr Arbeitstiſchchen, das in einer der Fenſterniſchen ſtand und mit Epheuwänden rings ſo dicht um⸗ ſtellt war, daß ſie dort wie in einem beſonderen kleinen Kabinet ſaß. Nach einiger Zeit hörte ſie draußen die bisher in der Küche beſchäftigte Mutter mit einem Fremden verkehren; gleich darauf trat dieſelbe herein und gab ihr einen Brief.„Von wem?“ fragte die Räthin dabei. Das Mädchen ſchaute auf Schriftzüge und Sigel, die ihr beide unbekannt waren.„Ich weiß nicht,“ verſetzte ſie unbefangen,„vielleicht von Hermine P.,— aber die Schriftzüge gleichen nicht ganz den ihren.“ Die Mutter zog die Küchen⸗


