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Von Edmund Hoeſer. 433
auch noch, daß das Verhältniß zum jungen Grafen täglich ein mißlicheres und gereizteres geworden, und ſelbſt Chriſtine ſah die Unmöglichkeit ein, noch lange in ſolcher Weiſe fortzuleben..
Von dem Mädchen ſelbſt war wenig Anderes zu merken und zu ſagen, als daß einſtweilen ihr ganzes Weſen in der Sorge um den Bruder auf⸗ ging. Deſſen Zuſtand ſchien glücklicherweiſe ein Ableiter geworden zu ſein für die unſeligen früheren Träumereien ihres Kopfes. Die Gelegenheiten, mit Lev zu verkehren und aus dieſem Verkehr ein ſtets neues Gift zu ſaugen, waren begreiflicherweiſe für ſie ſchon nach Nataliens Abzuge ſelten gewor⸗ den und wurden immer ſeltener, je ſchärfer ſich die Abneigung des Bruders und des jungen Grafen herausſtellte. Und damit ihr denn auch nicht eine weitere Herzensbeſchäftigung fehlte, hatte ſich ſeit einiger Zeit, wie ſie Nata⸗ lien mit anſcheinender Gleichgültigkeit und doch nicht ohne Erröthen mit⸗ theilte, ein anderer junger Förſter jener waldreichen Gegend angelegentlich zu ihr gefunden. Und andererſeits war zu ihrem großen Kummer die mun⸗ tere hübſche Sophie ihrem Bruder immer ferner getreten und ſchien ſeit einiger Zeit gleichfalls einem andern Mann Gehör zu geben. Man ſieht wohl, die ſchmucke Förſterin hatte nicht Zeit, an die alten überſpannten Regungen ihres Herzens zu denken.
Es bedarf wohl nicht erſt einer beſondern Auseinanderſetzung, um dem Leſer klar zu machen, was bei dieſen Mittheilungen Ratalien haupt⸗ ſüchlich, ja eigentlich allein intereſſirte. Wie wir früher bereits angedeutet, war Natalie keineswegs über das im Zweifel, was ſich damals im Herzen des Förſters geregt hatte und auch jetzt noch in ihm nachwirkte. Sie wäre kein Mädchen geweſen und hätte dem Mann des Waldes nicht mit ſo viel Freundlichkeit und Achtung ſich zuwenden müſſen, wenn ihr ſein Inneres verborgen geblieben. Was ſie geſehen, hatte ihr Mitleiden erregt und ſie be⸗ trübt; ſie konnte nirgends helfen, nirgends, was ſie ihm ſchuldlos zu Leide gethan, wieder gut machen. Sie konnte ihm auch nicht darum zürnen, da ſein Gefühl ihr niemals zu nahe trat, ſte niemals auch nur durch die leiſeſte Aeußerung üngſtigte, ſondern ihr nur durch die milde, ruhige und klare Männlichkeit, welche Adolf ihr gegenüber ſtets zeigte, immer beſtimmtere Beweiſe von ſeiner Schönheit und Lauterkeit gab. So miſchte ſich in all ihre Betrübniß doch eine gewiſſe leiſe, wir möchten ſagen: Befriedigung, daß ſie es ſei, die ſo Schönes hervorgerufen, der ſo Tüchtiges und Edles
ſich geweiht hätte. Und hatte ſie ihm nie ihre wahre Achtung vorenthalten,
Hausblätter. Zahrg. 1855. I. Bd. 28


