432 Bei den zwei hohen Tannen.
gekommen, daß ſie noch immer nicht aus ihm erwachte. Nur wie bei einem wirklichen Traum gegen das Ende deſſelben die reinen, ſchönen und klaren Bilder ſich mit trüben und unklaren zu miſchen pflegen, alſo zog es auch mit Schatten und Trübe herauf im Leben und Träumen des Mädchens.
In ihrer ſonſtigen Umgebung ging zwar alles den gewöhnlichen Gang des täglichen Lebens, und niemand ſtand ihr auch nahe genug, daß ſein täg⸗ liches Leiden und Freuen ihr Herz mehr als jedes andere theilnehmende be⸗ rührt hätte. Dagegen ergriff ſie, was vom Walde und Forſthauſe zu ihr gelangte, innig und mächtig. Ihr Verkehr mit den Bewohnern deſſelben beſchränkte ſich freilich darauf, daß ſie während des vergangenen Sommers mit der Mutter noch einmal hinausgefahren und bei den Geſchwiſtern einige Stunden verweilt hatte. Außerdem war bald Chriſtine, bald Adolf hin und wider in der Stadt geweſen, uud beide hatten im Hauſe der Räthin zu⸗ weilen vorgeſprochen, ſich nach dem Befinden ihrer Kranken erkundigt, und Chriſtine auch von dem Leben und Treiben da draußen berichtet. Dabei waren denn der Klagen über Adolf nicht wenige geweſen; etwas Erfreu⸗ liches wollte ſich nirgends mittheilen laſſen. Seine Luſtigkeit habe ſich ganz verloren, klagte die Schweſter; eine ernſte, oft beinah brütende Stille fülle ſein ganzes Weſen aus. Und doch wiſſe ſie, daß es im Innern gar nicht ſo ſei, wie der ſchweigende Mund, das ſtumme Auge, ſein ganzes, gleich⸗ ſam ſchweigendes Thun und Treiben es glauben machen möchte. Trotz aller gewöhnlichen, wirklich rührenden Milde und Sanftmuth lagere in ihm heim⸗ lich eine unglaubliche Gereiztheit und Empfindlichkeit, die von dem Unbedeu⸗ tendſten zuweilen Veranlaſſung nehme, hervorzutreten und ſich da, nicht wie früher in Momenten der Unzufriedenheit und des Zürnens, durch einen kraft⸗ vollen Fluch und ein derbes, aber auch ſtets entſchiedenes und feſtes Auf⸗ treten offenbare. Jetzt brauſe es heraus mit wilder Heftigkeit, mit jäher Leidenſchaft und ſinke gleich hinterdrein wieder in eine ſchier beängſtigende Gleichgültigkeit und faft Stumpfheit gegen alles und jeden zurück.
Was jjedoch noch mehr als die ruinirte Stimmung des Bruders das Mädchen quälte, war, daß auch ſeine Geſundheit wankend geworden. Krank zwar war er nie geworden, aber gekränkelt hatte ſeine ſonſt wetter⸗ feſte Natur Tag aus Tag ein. Und wenn ſein Mund auch fern von Klagen war, ſein verfallendes Aeußere ſprach deutlich genug davon, und ſeine lang⸗ ſamen matten Bewegungen zeigten nur zu klar, wie gedrückt Seele und
Körper ſich den Geſchäften des Tages hingaben. Zu allem Uebrigen kam


