Jahrgang 
1855
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Von Edmund Hoefer. 431

Jener Heinrich von Wehringen, von dem ſich der Leſer noch erinnern wird, daß er den damaligen Unfall des ſchönen Kindes veranlaßte, hatte begreiflicherweiſe in der Stadt ſich ihr genähert, um ſeine nothwendige Entſchuldigung den geſellſchaftlichen Regeln gemäß vorzubringen und die ebenſo gewährte Verzeihung zu erlangen. Allein ein Ende des Verkehrs, wie man hätte erwarten können, war damit nicht eingetreten. Derſelbe hatte ſich nicht einmal auf ein gelegentliches, unvermeidliches und unge⸗ ſcheutes Begegnen beſchränkt. Wehringen war öfter und öfter wieder ge⸗ kommen und hatte der jungen Dame auffallend ſeinen Hof gemacht, ohne ſich durch ihre offen hervortretende Kälte nur im entfernteſten mäßigen oder gar abſchrecken zu laſſen. An und für ſich dürfte dies Weſen Natalie wenig, ſicher nur gleichgültig berührt haben; ſie fand nichts an ihm, was ihr die beſtimmte Ablehnung erſchwert oder ſchmerzlich gemacht, was eine gewiſſe Theilnahme in ihr wach gerufen hätte. In ihrer jetzigen Stimmung indeſſen ward dieſe Zudringlichkeit ihr beſchwerlich und peinlich, weil ſie ihre Ge⸗ fühle immer von neuem in Anſpruch nahm, die doch ſo ſehr nach ſtillem, ungeſtörtem Ruhen wenigſtens ſich ſehnten. Niemand vermag ſich gegen ſolche äußere Angriffe ſo zu ſchützen, daß ſie gänzlich eindruckslos an ihm vorübergehen. Nun aber kam noch hinzu, daß Wehringen ſeine Bewerbun⸗ gen ſelbſt vor Leo's Augen offen betrieb und dieſer ſie unmöglich überſehen konnte. Und dennoch ſchritt der Geliebte niemals auf eine der vielerlei Weiſen gegen dies Treiben ein, welche die Geſellſchaft trotz aller ſonſtigen

ſtrengen Regeln jedem offen gelaſſen hat, niemals kam er Natalien zu

Hülfe. Im Gegentheil ſchien er Wehringen's beſter und luſtigſter Freund, ignorirte alles, was er ſah und hörte, und nur ein einzigesmal hatte er mit Natalien ein Wort darüber gewechſelt. Und da war es ein neckendes geweſen, wie man es bei ähnlichen Verhältniſſen wohl gegen eine Freundin einmal auszuſprechen ſich erlaubt. Doch wenn er geglaubt, daß auch Natalie es alſo aufgenommen, hatte er ſich gänzlich und gefährlich geirrt. Für ſie war es ein Blitz geweſen, der eine ganze Herzenspartie des Ge⸗ liebten erhellte. Und ſie vergaß es nie, denn es war auch in ihr ſelbſt wie ein Blitz niedergeſchlagen. Sie meinte, wo das hergekommen, da ſei kein Herz, ſondern ja, ſie wußte nicht was! Aber es war ein namenlos bitteres Gefühl, und ſie vermochte niemals den Eindruck gänzlich zu über⸗ winden. Und doch entzog ſie das alles dem Geliebten nicht, und doch er⸗ kältete ſie es nicht gegen ihn. Ihr Traum war ſo tief und ſüß über ſie