Jahrgang 
1855
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430 Bei den zwei hohen Tannen. eine ſolche Selbſtbeherrſchung in ſeiner ſonſt ſo lekdenſchaftlichen Seele er⸗ 3 möglicht würde. Sie hatte wohl ein Recht, der Mutter zu ſagen, daß ein

Ahnen ihrer Verbindung unmöglich aus dem Beobachten ihres Zuſammen⸗ ſeins entſtanden ſein könnte. Und wenn ſie wirklich einmal vereint waren, hörte ſie von ihm faſt nur noch Klagen über den Zwang ihres Verkehrs und über die Schwierigkeiten, welche ihrer Liebe entgegenträten, und ſie wiederholte ſich das! er that gar nichts, dies Beklagte zu erleichtern, zu ändern.

Es dämmerte die leiſe, aber herbe Frage in ihr auf, ob der Mann, der ſo ſchön zu träumen verſtand, der ſie einmal ſelbſt ſo ſüß träumen ließ, ob der Mann auch im Stande ſei, den Traum in's Wachen, in's Leben zu führen, den ſchattenhaften Bildern und Geiſtern Beſtand und Körper zu geben? Das iſt eine bittere und gefährliche Frage für das vertrauens⸗ volle, warme Innere eines weiblichen Weſens. Und auch Natalie ſpürte das. Sie ward noch nicht ſchwankend und zweifelvoll, aber das bis dahin ſonnige Leben ihres Herzens tauchte ſich in ein leiſes Bangen unß Sorgen, und die folgende Zeit war wenig geeignet, ihr wieder Licht und Frieden

zu bringen. Leo ging mit ſeinen Eltern auf zwei Monate in die Reſidenz, und in den acht Tagen ſeit ſeiner Rückkehr, die er freilich meiſtens auf dem Schloſſe 3 draußen zugebracht, hatte ſie ihn noch nicht geſehen, in der ganzen langen

Zeit keine Verbindung mit ihm, keinerlei Nachricht von ihm gehabt. Der Mutter gegenüber fand ſie ſein Nichterſcheinen durch die Umſtände begrün⸗ det, in ihrem Innern entſchuldigte ſie es wohl auf dieſelbe Weiſe; aber ganz zu erklären vermochte ſie es ſich nicht, und man weiß ja, daß in ſol⸗ chen Zuſtänden eine ungenügende Erklärung wenig von einer mangelhaften ſi Entſchuldigung verſchieden zu ſein pflegt. Die Liebe in ihr erheiſchte ihr Recht, eine gleiche Gegenliebe; und was ſie ſelbſt natürlich und nothwendig gefunden und von ihrer Seite als eine innere Nothwendigkeit gewährt hätte, 1 konnte ſie von der andern nur ſchmerzlich berührt ſich vorenthalten ſehen. So war es denn leicht erklärlich, daß manches andere um ſie her, was weder angenehm noch freundlich war, in dieſer ganzen Zeit wieder viel leichter bei ihr Eingang fand und ſie tiefer und empfindlicher traf, als es in andern Zuſtänden geſchehen ſein dürfte. Ja, man darf vielleicht annehmen, daß es auch auf ihr Liebesleben, auf ihre Herzensſtellung zu Leo nicht ohne bedenk⸗ liche Einwirkung blieb.