428 Bei den zwei hohen Tannen.
zu laſſen,— theils entfloß es denn auch unwillkürlich ihrem Hochmuth, der, wie wir oben erwähnt, wirklich auf mehr als einer Stelle empfindlich berührt war. Der gewaltige und großartige Stolz unſerer alten Patricierfamilien, welcher ſie eiſern auf ihrem Recht und in ihrer Abgeſchloſſenheit verharren ließ, iſt bei den Claſſen, welche jetzt ihre Stellung einnehmen, in einen ſchroffen und ſich brüſtenden Hochmuth übergegangen. Damit ſind dann auch Ruhe und Selbſtgefühl, Gleichmuth oder Zorn des Stolzes der Raſtloſigkeit, der peinlichen Rechtswahrung und all den unedlen Leiden⸗ ſchaften gewichen, die der ſelbſt unedle Hochmuth in ſeinem Gefolge hat; damit iſt das Gefühl eines ehrenvollen, in ſich begründeten und feſten Standes verloren gegangen. Wir ſuchen unſere äußere Ehre nicht mehr in und neben uns ſelbſt, wir glauben ſie ſtets nur über uns finden zu können.
Wie warm und überzeugt, wie ruhig und gläubig Natalie indeſſen während der vergangenen Stunde geredet, auch in ihr ſah es leider nicht ſo freundlich und ruhig aus, und nur das einmal beſtehende, fremde und kühle Verhältniß zu der Mutter hatte ſie ſich ausſprechen laſſen, wie ſie zu einem wirklich Fremden gethan haben würde, d. h. indem ſie ihren Schmerz und ihre Sorge verhüllte. Denn unſer Inneres iſt wie jener See in der Volksſage: dem Senkblei des Neugierigen und Uneingeweihten ſchieben die drunten hauſenden Geiſter ſo viel Hinderniſſe entgegen, daß es nie auf den Grund gelangt und nie die Tiefe ermißt; das mag nur einmal in geweihter Stunde einem Sonntagskinde gelingen, welchem die Geiſter hold ſind und ſich hingeben wollen.
„Keine Lieb' ohne Leid!“ Natalie hatte das gleichfalls zur Genüge erfahren, das entſchwundene Jahr war für ſie kein heiteres, beglückendes geweſen. Zwar die Schuld ihrer Liebe, ihrer warmen, reinen und gläu⸗ bigen Hingebung an dies Gefühl war es nicht; ihre Liebe war ſo ächt, daß ſie in allen Hemmniſſen und widrigen Begegniſſen ſich nicht nur gleich ge⸗ blieben, ſondern vielmehr erſt in ihnen recht gewachſen, in ihnen erſt froh und ſtark geworden und kraftvoll dagegen ſich aufgelehnt hätte, wenn ihr nur von des Geliebten Seite ein gleich ſtarkes und gleich ſtandhaftes Gefühl zu Hülfe gekommen, zur Stütze geweſen wäre. Die Liebe iſt es nicht, die das Leid bringt; ſie bringt nur Glück und Segen über das Herz, das ihr gewachſen iſt; die Verhältniſſe ſind es auch nicht, die ſie trüb und ſor⸗ genvoll zu machen vermögen; wie ſchwer ſie ſeien, ſie ſind viel zu irdiſch und machtlos gegen das hehre Himmelskind. Nur das vom himmliſchen
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