Jahrgang 
1855
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Von Edmund Hoefer. 427

ſelbſt empfangen kann. Indeſſen iſt uns doch bekannt, daß er mit den Eltern faſt zwei Monate in der Reſidenz ſein mußte und erſt ſeit kaum acht Tagen zurück iſt, wo er doch nicht zu uns kommen konnte, ohne jenem von dir erwähnten unglücklichen Geſchwätz einen wirklichen Anhalt zu geben. Und daß er fort will von hier liebe Mutter, ich weiß nichts davon, aber darin finde ich keinen Grund, verwundert über ihn zu ſein, oder ihm gar zu zürnen.

Die Räthin ſtand auf; ihre Augen waren faſt noch kälter als gewöhn⸗ lich, die Lippen noch präciſer und grader geſchloſſen, die ſcharfen Geſichts⸗ züge ſchier noch ſchärfer und härter.Mein Kind auch der Ton war kalt und ſcharfdas alles gefüällt mir nicht, denkt er ehrlich, ſo rede er ehrlich. Ein ſolches Herumgeziehe mißfällt mir gründlich, entweder oder! Vor allen Dingen aber denke ich, daß ich und meine Tochter noch völlig gut genug für den Herrn Grafen und die hochgeborene Frau Gräfin von Wildenger ſind. Das iſt ſo meine Meinung, und im Uebrigen mache ich dich darauf aufmerkſam, daß ich über mich und das Meine kein Gerede wünſche; richte dich darnach. Ich waſche meine Hände in Unſchuld. Der unglückſelige Wald!

Damit verließ ſie gleichſam ärgerlich das Zimmer. Im Innern ſah es bei ihr aber nicht ganz ſo aus, wie ſie es Natalie glauben zu machen verſuchte. Sie war längſt davon überzeugt, daß dies Verhältniß eriſtirte; ſie hatte ſich durch das Schweigen ihr gegenüber zwar nicht wenig verletzt gefühlt, war aber mit der Sache ſelbſt viel zu ſehr zufrieden, um ſie durch eine Einmiſchung irgendwie zu gefährden. Indeſſen war ihre Neugierde je länger deſto mehr gewachſen und hatte ſich bei der Trennung der beiden Liebenden ſogar mit einer leiſen, ängſtlichen Sorge vermiſcht, ob das Ver⸗ hältniß auch züberall noch beſtehe. Da hatten ihr denn die in Wirklichkeit ſehr unſchuldigen und flüchtig hingeworfenen Reden des vorigen Abends eine höchſt erwünſchte Gelegenheit dargeboten, zu fragen und ihrer Neu⸗ gierde zugleich mit ihrem Hochmuth Genüge zu thun. Und wenn der letztere ſich auch durch einige der zur Sprache gekommenen Punkte verletzt fühlen mochte, im Ganzen war ſie durch das Reſultat ihrer Forſchungen voch ziemlich befriedigt. Und wenn ſie ſich anders, hart und ſcharf, gegen Natalie ausſprach, ſo ſollte dies theils nur dazu dienen, einerſeits ihr Inneres zu verbergen, andererſeits der Tochter Veranlaſſung zu geben, ſich aus Widerſpruchsgeiſt etwa die Sache ein wenig eifriger angelegen ſein