426 Bei den zwei hohen Tannen.
auch alles, über das Weitere ließ ſich wenig mittheilen. Sie waren ſich oft begegnet, hatten aber nach Nataliens Erklärung faſt nie zu etwas mehr Gelegenheit gehabt, als ſich die Hand zu drücken, ſich in die Augen zu ſehen, ein freundlich Wort ſich zuzuflüſtern. Das Ernſte ihres Verhält⸗ niſſes wäre nur ſelten und dann ſehr flüchtig beredet worden. Wer denkt auch in ſo flüchtigen, wehmüthig ſüßen Momenten an anderes als an ſeine Liebe und Zärtlichkeit, an einen Erſatz für die vielen entbehrungsreichen Stunden? Und ſo ſtand es wie damals harrend und hoffend, ausſichts⸗ voll und unſicher.„Da er es ſeinen Eltern nicht ſagen konnte,“ fuhr ſie endlich fort,„durfte es auch dir nicht geſagt werden, liebſte Mutter. Was ſollte, was konnte, was durfte er dir mittheilen? Wir fürchten von dir keinen Abſchlag, wenn er erſt offen vor dich hintreten darf. Jetzt aber würde er dir nur dieſelbe Ungewißheit und Quälerei bereiten, welche die Sache für uns zwei mit ſich bringt, welche wir willig und geduldig er⸗ tragen. Du weißt, wir ſind ſeinen Eltern hin und wider begegnet, ſie haben mich näher kennen lernen können. Und wenn ſie ſchon perſönlich ſehr freundlich und gut gegen mich waren,— Leo hat mir noch überdies geſagt, daß ſie auch, zumal die Mutter, höchſt freundlich von mir dächten und redeten. So dürfen wir denn wohl die beſten Hoffnungen hegen.“
Die Räthin war ganz gegen Nataliens Befürchtung ruhig und ſtill geblieben; nur einmal hatte ſie ausgerufen:„der unglückliche Wald!“ Das war aber eine der Tochter bereits wohlbekannte Redensart, welche ſich die alte Dame nach Art mancher engen Gemüther angewöhnt hatte und bei jeder Gelegenheit vorbrachte. Im Uebrigen drehte ſie ihre Daumen um einander und ſagt auch jetzt anſcheinend ruhig:„Wenn er hofft, weßhalb redet er nicht zu ſeinen Eltern*—„Ich habe dir ja ſeine Gründe genannt, Mutter,“ gab Natalie zur Antwort,„und ich für meine Perſon vermag ſie nur zu billigen. Im Sommer, wenn wir der Einladung der Gräfin auf's Schloß folgen, denkt er mit den Eltern reden und ſie zur Erfüllung unſerer Wünſche
überreden zu können.“—„Hm!“ die Mutter warf den Kopf auf.„Ueber⸗ reden!— wenn es ſolcher Ueberredung bedarf,— mein Gott, wir ſind
doch weder Bettler noch Lumpen! Weßhalb redet er aber von Fortgehen, weßhalb war er ſo lange nicht hier?“ ſprach ſie abbrechend weiter und firirte die Tochter mit ihren großen, harten, blauen Augen.„Liebſte Mutter,“ ſagte Natalie ein wenig gedrückt,„du weißt doch, wie beſchränkt unſer Ver⸗ kehr iſt, wie ich über ihn die dürftigſten Nachrichten nur durch ihn


