Jahrgang 
1855
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Von Edmund Hoefer. 425

Die Menſchen ſind in Betreff ihrer tiefſten Gefühle überaus zaghaft, um nicht zu ſagen feige. In unſern Geſellſchafts⸗ und Verkehrsverhältniſſen und durch dieſelben ſind dieſe Gefüh und Regungen ſo weit zurückge⸗ drängt, ſo abgeſperrt und ängſtlich behütet, daß man jedes geringſte Lüft⸗ chen für ſie ſcheut. Und doch ſind dieſe Gefühle, wenn ſie ächt ſind, ſo friſch, kraftvoll und unbeſieglich, daß ſie ſelbſt einen Schneeſturm ertragen und Jahrelang im eiſigſten Froſt blühen und leben, ja daß ſie erſt da ſich oft zur allerſchönſten Blüthe erheben und läutern.

Sie hatte die Frage der Mutter längſt gefürchtet und deſto mehr, je länger dieſelbe auf ſich warten ließ, und immer mehr hatte ſie die Kraft verloren, ihr durch Offenheit zuvorzukommen. Freilich trug dazu auch noch bei, daß ſie nichts mitzutheilen hatte, was ſelbſt in ihrem eigenen Sinn und für ſie ſelbſt rein gut, erfreulich und beglückend geweſen; hinter dem erſten Aufgang der Liebesſonne hatte ſich in dem Jahre nach und nach mehr als eine Wolke empor gedrängt. Und wenn man ſein Glück von Andern auch kalt aufgenommen oder gar verkleinert ſehen kann, weil man ſelbſt durch daſſelbe befriedigt iſt und darin vollkommenen Erſatz für die fremde Kälte findet, ſeinen Schmerz, ſeine Sorge und Trauer mag niemand einer ſolchen Aufnahme ausſetzen. Ein Vertrauen des Glücks ſucht nur Theil⸗ nahme aus Fülle, es theilt mit von ſeinem Ueberfluß, und kann alles Weitere auch entbehren, denn im Grunde iſolirt das Glück den Menſchen und iſt jedenfalls ſich ſelbſt genug. Ein Vertrauen des Schmerzes dagegen und der Trauer begehrt nach Troſt, es theilt nicht mit, ſondern verlangt Erſatz, es iſt kein Ueberfluß, ſondern Armuth, und da macht die fremde Kälte es noch ärmer und noch ſchmerzlicher.

Alle dieſe Factoren hatten in Nataliens Seele, wenn auch ihr ſelbſt unbewußt, gewirkt und ihr bisheriges Schweigen aufrecht erhalten. Nun aber war die Frage da, und ihre Natur war eine viel zu offene und wahre, als daß ſie auch nun noch verheimlicht oder zurückgehalten hätte; ſie über⸗ legte nicht, ſondern ſprach nach einer kaum bemerkbaren Pauſe ſich gefaßt und klar aus. Denn in einem rechten Herzen iſt kein Bedenken über das Richtige, daſſelbe iſt vielmehr immer da und braucht nur angeſchlagen zu werden, um heraus zu klingen. So redete ſie jetzt unumwunden, wie zagend und ſtockend die Worte zuerſt auch hervorkommen mochten, ſagte von ihrer Liebe, von dem Beginn, von dem Wachſen und Weitertreiben derſelben. Eigentlich war dieſer Beginn, jene Scene im Holz, zugleich