Jahrgang 
1855
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424 Bei den zwei hohen Tannen.

durfte und darf. Wir ſind nirgend zuſammen geweſen, wo du nicht gleich⸗ falls dabei warſt..

Trotz ihrer Verdrießlichkeit empfand die Mutter die Wahrheit in den Worten Nataliens gar zu wohl, um nicht dadurch einigermaßen wenigſtens berührt zu werden.Aber doch nennt man euch zuſammen, ſprach ſie ziemlich milde.Iſt das etwas Beſonderes und Auffälliges, liebe Mutter? fragte die Tochter.Das mag ſein, erwiderte die Räthin, obgleich man in deinem Alter, mein Kind, auch ein leeres Geſchwätz fürchten und ſcheuen ſoll. Aber wir kommen von der eigentlichen Frage ab. Ich wünſche zu wiſſen, nicht wie du in der Geſellſchaft mit ihm ſtehſt, denn das weiß ich, wie du bemerkſt, ebenſo gut, ſondern wie ihr innerlich von einander denkt, damit ich über das Recht der Geſellſchaft zu ſolchen Reden urtheilen und ſie dem Stande der Sache gemäß im Nothfall beantworten kann. Du kannſt mir gewiß nicht den Vorwurf machen, mein Kind, ſetzte ſie wieder gereizter hinzu, denn mancher Charakter reizt ſich ſelbſt im längeren Reden ohne die geringſte äußere Veranlaſſung immer wieder von neuem auf,daß ich mich zu ſehr in dein Vertrauen gedrängt. Das Herz, meine ich, muß ſich von ſelbſt erſchließen, und nur in gewiſſen Fällen dürfte es denn doch erlaubt ſein, an das verſchloſſen bleibende ein wenig anzuklopfen und um gefälligen Einlaß zu bitten.

Mutter, du biſt hart! Sie ſprach das tief verletzt. War es denn ihre Schuld allein, daß ſie der Mutter ſo ferne ſtand, deren kalte, ſteife und formelle Natur ihr niemals die Arme entgegengebreitet? Freilich empfand ſie in dieſem Augenblick auch ihren Fehler, den Fehler des Kindes, das ſich mit den Eltern auf eine gleiche Stufe ſtellen und nichts gewähren will, was ihm nicht gleichfalls von dort gewährt wird, welches ein Ent⸗ gegenkommen verlangt, wo ſein eigenes Entgegenkommen auch ohne das der Andern zum mindeſten pflichtmäßig iſt. Es iſt traurig genug, wenn bei ſolchen urſprünglich nur innigen und liebevollen Verhältniſſen allein die Pflicht in Anſpruch genommen wird, aber die Sache bleibt ſtets die gleiche, und die Pflicht hier, der Fehler dort ſind ganz dieſelben. Natalie hatte es von jeher empfunden, daß die Mutter einen Anſpruch darauf habe, von jener Scene im Walde und von ihrer Stellung zum Grafen zu erfahren; allein vor einem Bekenntniß war ſie ſtets zurückgeſchreckt, weil ſie die Auf⸗ nahme deſſelben ſcheute, die, wie ſie wußte, ſicher keine ermuthigende, tröſt⸗ liche, ſondern ſcharf oder kühl, unfreundlich, vielleicht verletzend ſein mußte.