Jahrgang 
1855
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Von Edmund Hoefer. 423

Natalie. Und da die Tochter ſich zu ihr geſetzt, fuhr ſie im ſelben Tone fort:Mir ward geſtern Abend eine impertinente, eine jedenfalls ſeltſame Frage gethan, die mich ſehr überraſchte, die mir ſehr unangenehm war. Man fragte mich, ob es denn zwiſchen dem Grafen Wildenaer und dir zu Ende ſei, daß man ihn ſeither ſo wenig in der Stadt geſehen, ja daß es heiße, er wolle ſich in die Reſidenz zum Obergericht verſetzen laſſen und habe gemeint, es ſei ihm hier gar zu langweilig. Willſt du mir erklären, mein Kind, auf welche Weiſe dein Name bei der Sache genannt werden kann? Ich muß geſtehen, daß es mir leider einigermaßen unverſtändlich iſt. Und als Natalie nicht antwortete, ſetzte ſie im gleichen, halb ver⸗ drießlichen, halb gereizten Tone hinzu:Ich muß dich wirklich nachgerade um Aufklärung bitten, da mir auch ſchon ſonſt einige dahin ſchielende Aeußerungen vorgekommen. Es iſt nie angenehm, wenn über ein junges Mädchen geredet wird, und über meine Tochter wünſche ich das am wenig⸗ ſten. Willſt du alſo die Güte haben.

Was die Räthin durch ihre erſte kurze Frage vielleicht erzielt hätte, ein offenes unumwundenes Ausſprechen, das verlor ſie jetzt wieder durch ihr langes Hinterdreinreden, wodurch ſie Natalien, die zuerſt wirklich er⸗ ſchrocken geweſen, Gelegenheit gab, ſich zu ſammeln und nicht ſowohl ein Bekenntniß und Zugeſtändnlß zu machen, als vielmehr nur eine Antwort zu geben. Die innere Bewegung zurückdrängend und daher allerdings nicht ganz in ihrer gewohnten ruhig⸗klaren Weiſe ſagte ſie:In der That, liebe Mutter, du fragſt mich mehr, als ich im Grunde zu beantworten vermag. Daß LeoLeo? fragte die Räthin mit ſcharfer Betonung.Leo, liebe Mutter, laſſe doch nicht auch uns mit einander Comödie ſpielen, wie wir es in der Welt leider müſſen, gab ſie jetzt ſchon wieder vollkommen ruhig zur Antwort.In deiner alleinigen Gegenwart habe ich ihn ja hun⸗ dertmal ſo genannt. Alſo daß und wie Leo mit uns bekannt geworden, weißt du ſo gut wie ich, und ebenſo, wie er dieſen Verkehr fortgeſetzt, ohne daß du dagegen Einwendungen zu machen hatteſt. Du weißt weiter, daß er artig gegen uns war und mir viele Aufmerkſamkeiten erwies; aber ebenſo gut weißt du auch wieder, daß er dennoch gegen mich um nichts anders war, als er gegen jede andere Dame einer genauern Bekanntſchaft ſein könnte. Ich kann es ohne Anſtand deinem eigenen Urtheil überlaſſen, ob man aus unſerem Verkehr nur im Entfernteſten auf ein genaueres Verhältniß ſchließen