Jahrgang 
1855
Einzelbild herunterladen

422 Bei den zwei hohen Tannen.

geheuer ſcheinen, denn es blinzelte plötzlich mit den kleinen ſchwarzen Augen auf's haſtigſte, kratzte eifrig das Köpfchen und ſchwirrte dann durch's Zim⸗ mer zu ſeinem Geſellen zurück, der ſich ohne alle derartige ertravagante Ein⸗ fülle bereits an ſeine Mahlzeit gemacht hatte. Natalie hatte das wohl be⸗ merkt und lächelte auch dazu, allein es war nicht das herzliche Lächeln eines frohen jungen Herzens. Und nachdem ſie dann, einmal im Gange, hie und da ein Buch oder einen von all' den kleinen Gegenſtänden, die man in unſern Zimmern gebraucht oder doch findet, langſam und nur wie zufällig aufgenommen, bald ihn abgeſtäubt, bald ihn auf eine andere Stelle ge⸗ bracht hatte, kehrte ſie zu ihrem Platze zurück und nahm ihre Arbeit wieder auf. Auch ein anderer Menſch hätte bei dergleichen kleinen Beſchäftigungen vielleicht weder geredet noch gelacht, noch ſich ſonſt lebendig geäußert, ruhig und ſchweigſam wäre auch er damit fertig geworden. Aber bei Natalien hier war es eine ganz andere Schweigſamkeit, eine ganz andere Ruhe. Die unendliche Mannigfaltigkeit und Bildungsfähigkeit der Sprache reicht nur zu oft bei weitem nicht aus für die unendlich feineren und endlos zahl⸗ reicheren Nuancen, in denen das Seelen⸗ und Innenleben des Menſchen ſich geſtaltet und den Blicken des Beobachters enthüllt. Auch da merkt man wieder den unermeßlichen Reichthum, den Gott in die Formen gehüllt hat, welche wir Menſchen nennen.

Jetzt ſaß ſie indeſſen nicht lange ihren Gedanken überlaſſen; die Stimme der Mutter, welche ſie auf dem Flur draußen ſich an die Magd wenden hörte, rief ſie empor, und ſie ſtand wieder auf, um in's gewöhn⸗ liche Wohnzimmer hinüber zu gehen. Denn es war noch früh am Tage und vor dem Frühſtück, ſie hatte der Mutter noch nicht einmal guten Mor⸗ gen geboten und wunderte ſich einigermaßen über ein ſo zeitiges Aufſtehen derſelben. Aber ihre Verwunderung ward noch größer und ging in eine gewiſſe nicht angenehme Erwartung über, als ſie die Dame jetzt in ihr Zimmerchen treten ſah, was ſonſt ſo gut wie nie und nur bei den außer⸗ ordentlichſten Gelegenheiten zu geſchehen pflegte.

Du biſt heut ſpät im Gange, Natalie. Guten Morgen, mein Kind, ſagte ſie und ließ ihr die Wange zum flüchtigen Kuß.Spät, liebe Mutter? entgegnete das Mädchen lächelnd,es iſt kaum ſieben Uhr, und ich dachte noch eine gute halbe Stunde allein bleiben zu müſſen. Aber was bringt dich ſo zeitig aus deiner Ruhe?Ich habe mit dir zu reden, ſprach die Räthin kühl und ſetzte ſich auf den kleinen Sopha.Komm her,