Jahrgang 
1855
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Von Edmund Hoefer.

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doch nur, ich bin ja für dich allein! Aber ſie hatte den Kopf auf ihre Arbeit geſenkt und ſah weder aus dem Fenſter noch in's Zimmer, obgleich auch da die beiden zahmen Kanarienvögel das Bauer verlaſſen hatten, vor ihr auf dem Nähtiſchchen trippelten und auf der glatten Fläche gleitend mit den Flügeln balancirten. Sie ſchaute erſt empor, als die Lieblinge beide zugleich ihr plötzlich auf die Hand flogen und ſie am Nähen hinderten. Auch da ſah ſie noch auf beide mit einem zerſtreuten, man möchte ſagen abweſenden Blick, ihre Hand ließ die feine Arbeit nicht ſinken und ſenkte ſich auch ſelbſt nicht, ſie weilte in gleicher Höhe und die andere mit der Nadel blieb neben ihr. Man erkannte wohl, wie tief ihre Gedanken ge⸗ weſen, wie fern von der vielgeübten, faſt mechaniſch gewordenen Beſchäf⸗ tigung; denn da dieſe unterbrochen ward, waren die andern noch lange nicht da und wußten noch nichts von der Störung.

Das Licht iſt raſch und bedarf dennoch Jahre, um vom leuch⸗ tenden Stern zu uns herabzuſinken. Die Gedanken ſind ſo ſchnell, daß ſie die Unermeßlichkeit der Sternräume in unbeſtimmbar kurzer Zeit durchfliegen, aber auch ſie haben Kernpunkte, welche oft ſo unmeßbar, ſo unfaßbar weit entlegen ſind, daß ſelbſt ſie eine gewiſſe Zeit bedürfen, um in die Gegenwart des Menſchen und ſeine Umgebung zurückzukehren. Und ſo ſaß ſie da, gegenwärtig und doch noch fern, ihre Augen ſahen ſtarr auf die Vögel und die Züge des Geſichts blieben ohne Bewegung. Sie waren nicht mehr ſo weich dieſe Züge wie vor einem Jahre, ſie waren feſter geworden und ausgeprägter, und in ihrer jetzigen Unbewegtheit glichen ſie denen einer antiken Meiſterſtatue, ſo vollendet ſchön waren ſie in Regel⸗ mäßigkeit und reinſter Harmonie. Nur darin gingen ſie noch über die Antike

hinaus, daß ein milder Hauch von Wehmuth das Geſicht des Mädchens

umſchwebte. Denn die Wehmuth dämmerte nicht empor in den Herzen und Seelen der Alten, und die vermochten ſie niemals darzuſtellen.

Aber die Gedanken kamen endlich zurück, die Augen ſahen die Thier⸗ chen, und ein ſanftes Lächeln brachte Leben und Anmuth in's Geſicht zurück. Sie legte die Arbeit auf den Tiſch, ſtrich den Vögeln, die dicht an einander gedrängt ſtill ſaßen, mit dem Finger über das weiche Gefieder und erhob ſich nach einem flüchtigen Blick aus dem Fenſter, um im Bauer nach Futter und Waſſer zu ſehen. Die Thierchen hatten ſie beim Auſſtehen verlaſſen und das eine war auch auf's Fenſterbrett geflogen und hatte ſich die Frei⸗ heit draußen angeſchaut; allein es mußte ihm damit doch wohl nicht recht