420 Bei den zwei hohen Tannen.
gleichen Zeit wieder hervorgeſucht. Und doch waren die Menſchen ſelbſt ſo fernab von dem Damals gekommen, ſo ganz anders geworden.
Ein Jahr, das kann ſo kurz ſein und fliegt ſo ſchnell vorüber und tanzt und ſchwebt ſo lächelnd und leicht dahin, und man merkt es nicht, daß es geweſen; denn es war kein Tag darin, der hart und fühlbar in deine Seele trat, und keine Stunde ſchlug alſo in dein Herz, daß es einen zit⸗ ternden Sprung hinein gegeben hätte. Und ein Jahr kann ſo lang, ſo lang ſein, wenn die Tage daher ziehen finſter und geharniſcht mit herber Wucht, und jeder drückt feſt ſeinen Fuß auf dich, daß endlich auch im trotzigen Fels einer ſtarken Seele die tiefen Spuren ziehen; und jede Stunde ſchlägt hart an dein Inneres oder bang oder— ſie ſchlägt auch gar nicht. So iſt das Jahr auch hin, aber du weißt von den Tagen allen und von all den Stunden, und du zählſt ſie alle und fühlſt ſie, und es wird aus dem knappen Zeitraum ein ganzes, ewig langes ſchweres Leben. Und mit müdem oder bitterem Lächeln hörſt du dann das Menſchenwort: es war ja nur ein Jahr! Du weißt das beſſer und weißt, daß das Leben nicht nach den Tabellen der Aſtronomen rechnet.
Der Tag war ſehr ſtill und trübe aufgegangen, es regnete leiſe und unaufhörlich vom einförmig grauen Himmel; dabei ging kein Hauch und die friſchen Blätter regten ſich nur, wenn einmal ein ſchwererer Tropfen auf ſie herabfiel. Die Luft war milde und weich und durchhaucht von dem Duft der Blüthen und des jungen Laubes, daß man die Fenſter überall geöffnet ſah und Topfpflanzen hinausgeſtellt auf die Geſimſe, um auch dieſen armen Gefangenen einmal ein ſo wohlthätiges Bad zukommen zu laſſen. Es war einer von jenen Lenztagen, wie ſie uns mächtiger als jeder andere noch ſo leuchtende und jubelnde Tag berühren. Aus der tiefen ſäumenden Stille und Ruhe der Natur hebt ſich leiſe eine unendliche Sehn⸗ ſucht, eine unausſprechliche Milde und Wehmuth empor und ſchmiegt ſich an die Menſchenherzen und läßt keine Bitterkeit darin und keinen ſcharfen Schmerz.
Natalie ſaß zur frühen Stunde einſam in ihrem Zimmerchen, deſſen Fenſter auf den kleinen Hausgarten hinaus führte und jetzt gleichfalls ge⸗ öffnet ſtand. Ein langer, geſchmeidiger Zweig einer rankenden Roſe hatte ſich vom Regen beſchwert ſo weit geſenkt, daß er mit ſeinen friſchen Blät⸗ tern und ſchon gerötheten Knoſpen ſich an das Fenſterbrett legte und bei⸗ nahe zu dem Mädchen in's Zimmer reichte, als wollte er ihm ſagen: ſieh


