Von A. Widmann. 257
„Wir wollen es der göttlichen Führung überlaſſen, was ſie uns künftig auferlegen wird. Heute wenigſtens darf ich nicht trauern, ich wäre undank⸗ bar, wollte ich nicht fröhlich ſein. Denn denke dir, wie ich heute nach Frohs⸗ dorf hinauskomme, treffe ich unerwartet meine einzige geliebte Schweſter. Wie iſt ſie ſo ſchön und lieb geworden!“
Julchen fühlte, daß ihr alles Blut zum Herzen zurückſtrömte, ſie wandte ſich ab und hielt ſich am Bücherbord, um nicht zuſammenzuſinken. Mit zitternder Stimme fragte ſie:„Hat deine Schweſter auch ſo ſchöne blonde Haare, wie du?“„Ach nein,“ antwortete er unbefangen,„ſte hat dunkelbraune.“
Dieſe einfache Antwort, welche Julchen die Gewißheit gab, daß es ſeine Schweſter geweſen, die ihn geküßt hatte, wirkte ſo niederſchmetternd auf ſie, daß ſie unwillkürlich in die Knie ſank, als wollte ſie betend danken. Doch hatte ſie auch jetzt noch Kraft genug, ſich zu verbergen und auszuru⸗ fen:„So wird meine Zeit vorbei ſein und deine Schweſter wird mich erſetzen!“
Friedrich ſchlug, was er ſelten that, das Auge weit auf und ſchaute ſie an, als wollte er in ihrem Herzen leſen, daß ſie die Augen niederſchlagen mußte, ohne ſich jedoch aus ihrer knieenden Stellung zu rühren. Dann ſprach er:„Du biſt heute ſeltſam aufgeregt. Eiferſucht iſt unnütz und vom Uebel, denn die Stille wird dann zum Lärm. Stehe auf!“
Er hob ſie empor und ſetzte ſie auf einen Stuhl; als er aber dabei fühlte, daß ihre Hand fieberheiß war und ihre Wange glühte, that ihm ſein ſtrenger Ton keid und er ſagte erſchrocken:„Du biſt doch nicht krank?“„Ich bin krank,“ entgegnete ſie,„es wird aber bald beſſer werden. Laß mich nur den Abend bei dir bleiben und erzähle mir von deiner Schweſter.“
Gerne ging Friedrich darauf ein. Sie mußte ſich auf den Sopha legen und er bereitete mit mehr Geſchick, als er ſich ſelbſt zugetraut hatte, den Thee. Dazwiſchen ſprach er heiter und viel mehr als er ſonſt zu thun pflegte, ſo daß ihm darüber gar nicht auffiel, wie ſtumm und ſchweigſam das Mäd⸗ chen war. Ja es gelang Julchen ſogar, wenn auch mit einer faſt über⸗ menſchlichen Anſtrengung, ihm auszureden, daß ſie ſich ernſtlich krank fühle, und als die Ruheſtunde gekommen war, ging er heiter und nichts ahnend in ſeine Schlafſtube.
Julchen ſchleppte ſich nach ihrer Kammer und ertrug lautlos und ſtumm die gräßlichſten Schmerzen, welche immer ſteigend in ihr wühlten; ſie rang ſich mit der Krankheit ab, denn ſie wollte nicht krank werden, und
Hausblätter. Jahrg. 1855. I. Bd. 47


