256 Eine Univerſitätsgeſchichte.
zu ihrem Glück. Sie wußte wohl, daß ſie in dem treuen heiligen Gemüth des Jünglings nicht gegen eine andere ankämpfen konnte, wenn er dieſe einmal in Liebe umfaßt hatte; ſie wußte aber, daß noch etwas in ihm lag, was er höher hielt, als alle Liebe zum Weibe, und dem er Alles zum Opfer bringen würde, auch die Sehnſucht ſeines Herzens und das Glück ſeines Lebens. Dieſen Idealismus für ſeine innere hohe Beſtimmung wollte ſie zum Mitſchuldigen ihrer Selbſtſucht machen.
Als ſie das Wie ausgedacht hatte, ſtieg ſie gefaßt, kalt und ruhig wieder herunter, riegelte die Thüre auf und machte ſich an ihre Hausarbeit. Sonſt verrichtete ſie dieſe ſtumm und ſtill, heute ſang ſie dazu mit ihrer heiſeren, tiefergreifenden Stimme:
Steht ein Sträuchlein wild und fein, Einſam auf den ſtummen Bergen, Laßt es einſam und allein Und vor niemand niemand merken. Beſſer einſam, ungeliebt, Als verlaſſen und betrübt.
In den Garten taug' ich nicht, Wohl iſt mir im rauhen Winde! Wohler als im Sonnenlicht, Wo ich kalte Herzen finde, Wo ich, ach! noch lieben muß, Ohne warmen Gegengruß.
Friedrich blieb unter der Hausthüre ſtehen, bis ſie zu Ende geſungen hatte. Er war gerührt, er hörte ſie zum erſtenmale ſingen. Er trat dann zu ihr herein. Sie ſtäubte ſeine Bücher ab, er aber ſagte:„Was du ſchön ſingſt, Julchen! Es iſt aber ein trauriges Lied und ganz unwahr.“„Sage das nicht ſo ernſthaft,“ entgegnete ſie, ein Lächeln auf der Lippe,„wenn ein Mädchen ſo ſingt, hat es nicht viel zu bedeuten. Ja wenn du einmal ſo ſängeſt, das wäre traurig; wenn du nicht lieben dürfteſt, um zu erfüllen, was dir Gott befohlen hat, und nicht wiſſen dürfteſt, was Heimath iſt und Glück iſt im Hauſe, um die Menſchen zu überwinden! Ein ſchlechter Haus⸗ halter vor Gott darfſt du nicht ſein, dann haſt du nichts als eine Magd und dieſe Magd bin ich.“ Friedrich ſchloß einen Augenblick die Augen, wie er zu thun yflegte, wenn ihn etwas ſchmerzlich und peinlich berührte. Dann ſagte er milde:


