Von A. Widmann. 255 trockenen Lippen drängten ſich halblaut die Worte:„Er fühlt ſich unter Seinesgleichen!“
Dennoch konnte ſie ſich von dem Anblick, der ihr Herz zerriß, nicht trennen. Erſt als das eine der Mädchen, welches hinter Friedrich ſtand, in dem Augenblick, wo ein älterer Herr in der Thüre erſchien, die beiden ſchneeweißen Hände über die blonden Locken Friedrichs gleiten ließ und ihm einen Kuß auf die Stirne drückte, murmelte ſie vor ſich hin;„und meine Hände ſind rauh geworden in ſeinem Dienſt.“— Es überkam ſie jetzt, ſie mußte laut aufſchreien, daß die drüben unter der Veranda erſchreckt aus⸗ einanderfuhren; dann ſtürzte ſie fort und war bald im Walde verſchwunden.
Eiligen Laufes rannte ſie durch Dick und Dünn, durch Hecken und Dorn dem Hauſe zu, war aber zuletzt ſo erſchöpft, daß ſie kaum den Garten er⸗ reichen konnte. Was ſie unterwegs gedacht und empfunden, konnte ſie ſich nachher ſelbſt nicht mehr ſagen, es war Wahnſinn geweſen. Erſt die völlige Erſchöpfung gab ihr den Gebrauch des Verſtandes zurück und ſie griff mit Haſt nach Wein und Brod, der Wein ſchmeckte ihr bitter und das Brod wie Stein; ſie zwang ſich dazu, ja ſie genoß mehr, als ſie bei ihrer mäßi⸗ gen Art je genoſſen. Dann verriegelte ſie das Haus von Innen und ſtieg auf den Boden in eine dunkle Kammer, wo das Heu aus dem Garten auf⸗ bewahrt wurde. Sie ſchien ſich erſt abgeſchieden und allein genug zu glau⸗ ben, als ſie ſich tief in das duftige Heu eingegraben. Dann überlegte ſie und erwog, und dachte nicht an die fliehenden Stunden.
In ſolchen Augenblicken iſt auch der beſte Menſch geneigt, ſelbſtſüchtig ein Wunder zu ſeinen Gunſten vom Himmel zu verlangen und wendet ſich, wenn der Himmel ſtumm bleibt, gegen jedes Geſetz und jede Ordnung, wodurch das Zuſammenleben der Menſchen allein möglich wird. Dieſe wilden, böſen. Träume, wo Engel auf Blut ſinnen, fliegen freilich vorüber, es bleibt aber ein Stachel davon im Herzen und ein dauerndes Gericht. Dies um ſo mehr, wenn das Menſchenkind, ſtatt alle Verſuchungen von ſich zu weiſen und ſich dem Ewigen zu unterwerfen, mit dem Böſen paktirt, und Alles weit von ſich weist, was vor den Menſchen und vor dem Geſetz böſe iſt, an dem aber feſthält, was böſer iſt, aber freilich nur vor den innern Richter gehört.
So machte es Julchen; es war ihr Charakter das Leben lang, ſie war die Rechtlichſte der Rechtlichen, aber auf ein inneres Verbrechen an der Seele des Andern kam es ihr nicht an. Auch jetzt wollte ſie ihr eigenes Verlangen zum Glücke Friedrichs nicht opfern; er mußte das Opfer bringen


