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Von A. Widmann. 251
geſchickt wußte, ihrem Herrn auch hierin zu dienen. Noch weniger hatte er einen Begriff von der glühenden Phantaſie, die in dem jungen Mädchen wohnte, welches in ſeinen Träumen nach dem höchſten Preiſe griff, aber in ſeinem Stolz und ſeiner Selbſtbeherrſchung Mittel genug fand, um vor ihm und Andern ganz ruhig zu erſcheinen. Ja er kannte nicht einmal den Grund, worauf dieſer Stolz des Mädchens ruhte und war nicht wenig erſtaunt, ja beunruhigt, als er denſelben im dritten Sommer ihres Zuſammenlebens zufüllig entdeckte.
Unſer Student ging nämlich, ſeit die freundlichen Tage gekommen
waren, allſonntäglich ſchon am frühen Morgen aus der Stadt fort nach
einem nahegelegenen Landgute Frohsdorf, welches einer ſeiner vornehmen Verwandten erſt ſeit dem vergangenen Herbſt gekauft hatte und jetzt be⸗ wohnte. Da er ein lieber Gaſt war, ſo verſäumte er dieſen Spaziergang nie und kehrte immer erſt ſpät Abends nach Hauſe zurück. ⁰
An dieſen Tagen hielt dann Julchen auch eine Art Gottesdienſt in ihrer Weiſe, und ſetzte ſich, ſobald nur die nöthige Hausarbeit gethan war, unter die blühende Linde am Hauſe und träumte, die Hände im Schooß, über Friedrich und die Zukunft, oder nähte Leid und Freud'Stich vor Stich emſig in die Leinwand.
So ſaß ſie auch, es war ſchon Anfang Auguſt, als Friedrich längſt weggegangen war, und horchte auf die Glocken, welche vom Dom herauf⸗ klangen, als ihr plötzlich einfiel, daß ſie vergeſſen hatte, Friedrichs Blumen zu begießen, die er ſo ſehr in ſeinem Zimmer liebte, wenn er ſie ſchon ohne Julchens Sorge immer hätte verſchmachten laſſen. Sie legte das Taſchen⸗ tuch, welches ſie eben zeichnete, auf das Tiſchchen unter dem Baum, füllte die Gießkanne mit Regenwaſſer und verſchwand im Hauſe.
Als ſie aber mit der leeren Kanne wieder unter die Thüre trat und Friedrich, der zurückgekehrt war, weil er ſeine Freunde nicht zu Hauſe ge⸗ troffen, unter der Linde ſtehen ſah, wie er eben das Taſchentuch lächelnd betrachtete, da wurde ſie todtesbleich, ließ die Kanne fallen, ſtürzte auf Friedrich zu und riß ihm das Tuch heftig weg.
Er lachte immer noch und hatte einen Scherz auf den Lippen, als er aber ſah, daß ihr ſchwere Thränen im Auge ſtanden, ſagte er gutmüthig: „Ich will dir ja deinen Scherz nicht verderben, komm, laß mich das Tuch noch einmal ſehen, du haſt es ja recht hübſch gemacht.“
Julchen hatte nämlich in die Ecke des Taſchentuchs ein J. von A. mit


