Jahrgang 
1855
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250 Eine Univerſitätsgeſchichte.

Wie aber Julchen ſelbſtändiger ward, wurde ſie auch verſchloſſener gegen alle andere Menſchen und wandte das Gemüth von ihnen ab, ſo daß ſie bald nur wenig beliebt war, wie gut ſie es auch verſtand, für ihre Zwecke die ſchwachen Seiten Anderer herauszufinden und ihnen zu ſchmeicheln.

Auch ſogar um Friedrich ging ſie ſtumm und leiſe herum und ſprach nur das Nothwendige; deſſen aber war nicht viel, weil ihm Alles recht war, was ſie that, und er ihr nach und nach Alles, ſelbſt die Verwaltung ſeines Geldes, überlaſſen hatte, welches ſie bis zum Geiz zu Rathe hielt, aber nur um in's Volle greifen zu können, wenn ſie Friedrich einen Wunſch an den Augen abſah.

In dieſer emſigen häuslichen Thätigkeit war das Mädchen vortreff⸗ lich gediehen. Sie hatte den ſchlankſten Wuchs, und wenn auch ihre Züge herb waren und älter erſchienen, ſo waren ſie doch regelmäßig und ihre Farbe friſch. Für Friedrich mußte ſie anders erſcheinen als andern Leuten, denn für ihn hatte ſie immer ein ruhiges Lächeln, wenn ſie ſich ſtill um ihn beſchäftigte; ja er ſah ſie ſo zu ſagen gar nicht, weil ſie ſich immer gleich⸗ mäßig bewegte, und betrachtete ſie nicht mehr als ſeinen Schreibtiſch, ſo lange derſelbe an gewohnter Stelle und in gewohnter Ordnung war. Er war überhanpt nicht der Mann, welcher etwas bemerkte oder bemerken wollte, was ihn in ſeinen Studien hätte ſtören können, und Dienſte, welche ihm der Andere vielleicht mit Opfern und Selbſtüberwindung brachte, nahm er unbefangen und faſt als ſelbſtverſtändlich ohne beſonderen Dank an, weil er ſelbſt zu jedem Dienſt in jeder Zeit bereit war.

Deßhalb bemerkte er es kaum, er dachte wenigſtens nicht beſonders darüber nach, als er eines Morgens an der Stelle ſeines Schreibers, den er ſich ſeit längerer Zeit hielt, weil er an einer Preisaufgabe arbeitete, Julchen ſitzen ſah, welche ihn bat, es einmal mit ihr zu probiren, bis der Schreiber wieder geſund ſei. Erſt lachte er, dann begann er aber doch und wunderte ſich, daß Julchen, die nie gern geſchrieben, jetzt plötzlich geläufig ſchrieb, wenn ihre Handſchrift auch immer grobknochig blieb. Selbſt die nöthige Nachhülfe, die er Anfangs ſich unbequem und ſtörend gedacht hatte, machte ihm jetzt Vergnügen, und von dem Schreiber war keine Rede mehr, als dieſer auch wieder geſund herumging.

Friedrich hat freilich nicht geſehen und nicht ſehen können, daß das Mädchen von dem erſten Tage an, wo ſich der Schreiber eingedrängt hatte, Nächte lang ſitzen geblieben war und Collegienhefte abſchrieb, bis ſie ſich