Jahrgang 
1855
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Von A. Widmann. 249

gewählt hatte, ſo war dies doch ſicher nicht der einzige Grund, vielmehr fand er in der täglichen Beſchäftigung mit dem Heiligen die Beſtimmung ſeines Innern.

Sein ganzes Weſen war Wohlwollen, er wußte, daß die Menſchen einzig und allein durch die Liebe zuſammenhängen und daß ohne ſie die Klügſten einander nicht verſtehen. Darum legten auch Andere den Maßſtab des Wohlwollens an ihn und überſahen faſt die übrigen großen, geiſtigen Eigenſchaften, welche noch in dieſem ſtillen friedlichen Manne ruhten und bisher nicht hervortraten. Sein größtes Glück war, daß ſeine Imagination voll⸗ ſtändig durch ſeine Studien in Anſpruch genommen und geregelt war, ihn alſo im Leben ſelbſt nicht beunruhigte. Er war nicht ehrgeizig und wartete in Geduld, ja es war ihm ſogar angenehm, wenn er in Dingen des ge⸗ wöhnllchen Lebens jeder Theilnahme enthoben war.

Deßhalb ertrug er auch die Herrſchaft, welche das ſeltſame Mädchen vom erſten Tage an über ihn ausübte, zuerſt lächelnd und mit Abſicht, ſpäter mit Behagen und aus Gewohnheit, ſo daß ſie mehrere Jahre friedlich neben einander hinlebten.

Freilich hatte er Julchen zu zwei Dingen nicht beſtimmen können; ſie weigerte ſich, in die Schule zu gehen und mochte ſogar bei ihm nicht gerne lernen, beſonders nicht ſchreiben; ebenſo wenig war ſie zu bewegen, andere Kleider anzulegen, als die gewöhnliche Tracht armer ſtädtiſcher Ackerbürger, und wenn ihr wohlwollende Frauen ſolche Dinge ſchenkten, wie ſie Mädchen ihres Alters erfreuen, nahm ſie dieſelben zwar dankbar an, ſchloß ſie aber in den Schrank und antwortete Friedrich, der ſie darüber zu Rede ſiellte, immer und immer die einfachen Worte:Ich bin eine Magd; ſo lange kann ich ſolchen Flitter nicht brauchen.

In allem Uebrigen aber ſchlug ſie vortrefflich ein und ließ ſich keine Mühe verdrießen bei Tag und Nacht, von der Wirthin und' andern Frauen Alles zu lernen, was ſie nach und nach in ihrer kleinen Haushaltung bon fremder Hülfeleiſtung unabhängig machen konnte, damit zuletzt keine Waſch⸗ frau, keine Nätherin und überhaupt niemand mehr in dem Gartenhaus geſehen werden ſollte, als nur ſie allein. Ja ſie hätte es ſelbſt übernommen, ihre kleine Küche zu beſorgen, dies ſcheiterte aber an dem Widerſtand Fried⸗ richs, welcher, ſo ſehr ihm ſonſt Stille und Einſamkeit behagte, doch be⸗ ſonders liebte, über Tiſch mit ſeinen Altersgenoſſen fröhlich zu ſein und veßhalb den Mittagstiſch bei der Wirthin nicht aufgeben wollte.