Jahrgang 
1855
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Von A. Widmann. 247

nicht ſo arm, wie du vorhin meinteſt, und muß doch jemand haben, der für mich ſorgt, denn ich bin in vielen Dingen recht ungeſchickt: du könn⸗ teſt bei mir bleiben und hältſt mir meine Sachen in Ordnung, daneben haſt du Zeit genug und kannſt lernen und in die Schule gehen.

Er konnte es nicht mehr verhindern, wenn er es auch verſuchte, daß ihm das Kind mitten auf dem Wege zu Füßen fiel, ſeine Knie umfaßte und dieſelben heftig küßte.Ich will dir treu ſein wie ein Hündchen! rief ſie. Pfui, Julchen, ſo ſpricht man nicht! ſagte er ernſt;man kniet nur vor Gott!Du biſt mein Gott! Aber wenn du willſt, daß ich nicht weiter weinen ſoll, ſo will ich es nicht weiter thun, antwortete ſie heftig, ſtand auf, trocknete ſich die Augen und ging ruhig neben ihm her; erſt nach einer ganzen Weile bemerkte ſie, als hätte ſie ſeither über ihre neue Lage zuſammen⸗ hängend nachgedacht:Ich werde gewiß gut ſein; der Vater meinte immer, unter Freunden würde ich ſchon gut thun.

Der Student ſchien auch neue Entſchlüſſe gefaßt zu haben, denn als ſie gegen Abend auf einer Poſtſtation ankamen, ſagte er:Es iſt beſſer, wenn wir die Nacht durch fahren, wir kommen dann bei Zeiten nach Mar⸗ burg und haben Zeit genug, ein Quartier zu ſuchen und einzurichten.

So geſchah es. Der Morgen blitzte ſchon über die Stadt hin, als ſie herankamen, und Friedrich brach in Entzücken aus, wie ſchön ſeine künf⸗ tige Heimath gelegen war.Ich wufßte ſchon, daß du dich freuen würdeſt und habe auch darüber nachgedacht, wo du wohnen könnteſt, daß wir ganz allein ſind und doch alle Herrlichkeit vor Augen haben, ſprach Julchen. Siehſt du dort, gerade unter dem Schloß, noch mitten in der Stadt, liegt Meinert's Garten, und mitten drin das Sommerhaus. Sie laſſen es billig, nur daß jemand im Garten wohnt, denn ſie wohnen weit weg und haben es ſchon oft an Studenten vermiethet. Das wäre etwas für dich.

Friedrich ſah ſi ſcharf an und hatte es ſchon auf den Lippen, zu ſagen: Du willſt wohl nicht, daß jemand außer dir und mir im Hauſe ſei! Doch unterdrückte er dieſes Wort und ging, wie ſie nur angekommen waren und er gehört hatte, daß das Gartenhaus noch zu haben ſei, zu den Be⸗ ſitzern und miethete es, trotz der Unbequemlichkeit, daß er für Möbel und Hausgeräth ſelbſt ſorgen mufßte.

Er hatte dazu das Mädchen nicht mitgenommen, ſondern im Wirths⸗

hauſe gelaſſen, und war nicht wenig verwundert, ſie bei ſeiner Rückkehr im

tiefen Geſpräch mit der Wirthin zu finden. Es fiel ihm jetzt erſt ein, daß