Jahrgang 
1855
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246 Eine Univerſitätsgeſchichte.

Plötzlich erhob er ſich und ſagte:Wie heißt du denn aber?Jul⸗ chen.Nun ſo komm, Julchen, wir wollen gehen; ich heiße Friedrich. Er ging fürbaß und vergaß ſein Ränzchen. Das Mädchen rief ihm aber nicht, ſondern lud ſich ſtillſchweigend ſelbſt die Laſt auf und wanderte hinter ihm drein. Julchen ſah ſtrahlend glücklich aus.

So wanderten ſie eine große Strecke weit, bevor ſich der Jüngling endlich umwandte, und als er das Kind mit ſeinem Ränzel erblickte, es dem Widerſtrebenden abnahm.Komm, redete er,du biſt ein gutes Ding, gib mir die Hand und erzähle nun deine Geſchichte.Ich kann meine Ge⸗ ſchichte auch kurz machen, antwortete Julchen, die jetzt nicht mehr Luſt zu haben ſchien, viel von ſich ſelbſt zu reden;mein Vater und meine Mutter und meine Geſchwiſter ſind auf's Schiff gegangen und werden nun halb⸗ wegs Amerika ſein, ich habe mich verſteckt, und als das Schiff verſchwunden war, ging ich wieder zurück.

Der Jüngling erſchrack faſt und bemerkte vorwurfsvoll:Du machſt dei⸗ nen Eltern viel Herzeleid. In welcher Angſt müſſen ſie leben! Julchen riß ſich von ſeiner Hand los und ſtellte ſich ihm gegenüber und blieb lange Aug in Aug, bevor ſie in einem Tone voll Bitterkeit und Hohn ſagte:Angſt! Angſt? Sie haben mehr an ihre Kiſten und Kaſten gedacht als an mich. Du weißt alſo nicht, daß die Liebe aufhört, wenn ſich die Löffel über der leeren Schüſſel kreuzen?Das kenne ich freilich nicht, antwortete der Jüngling, aber mehr für ſich, und ſchien in tiefes Sinnen zu verſinken. Vielleicht war auch er unzufrieden mit ſeinem Schickſal und mufßte ſich doch jetzt, im Gegenſatz zu dieſem Kinde, glücklich preiſen, denn er kannte

die Mutterliebe, ſie hatte ihn von Kind auf umgeben, die Noth kannte er nicht.

Ein plötzlicher Gedanke ſchien ihm durch den Kopf zu fahren, denn er näherte ſich dem Kinde, ſtreichelte ihm die Wange und ſagte:Baſt du denn Verwandte in Marburg? Das Mädchen ſchüttelte den Kopf und brach jetzt in Weinen aus;ich habe wohl Verwandte, ich will aber nicht zu ihnen.Aber um aller Heiligen willen, zu wem und warum willſt du denn nach Marburg? fragte er weiter.Unſeres Nachbars Katze wurde drei Stunden weit weggeſchenkt und im Sack weggetragen, und des andern Morgens war ſie wieder in Marburg; ſo muß ich auch zurück, und wenn ich diene, werde ich ſchon nicht hungern, ent gegnete ſie wieder keck.

Ein freundliches Lächeln glitt über die ſchönen Züge des Studenten; endlich ſprach er:Ich will dir einen Vorſchlag machen, Julchen, ich bin