Von A. Widmann. 245
Mit dieſen Worten warf er ſein Ränzel ab, ſetzte ſich neben das Kind, trank den hölzernen Becher, den ſie ihm reichte, in langen Zügen aus und fragte dann, indem er dankend nickte:„Aber woher weißt du denn, daß ich ein Student bin?“—„Ich weiß auch was für ein Student du biſt,“ ſprach ſie unbefangen, nur ſtolz auf ihre eigene Klugheit und ohne Rückſicht auf den, der es hörte:„Du biſt trotz deines feinen Rocks gewiß ein armer Student und ein Theologe.“
Ein leichtes Roth flog über die feinen blaſſen Züge des Jünglings, doch ſagte er mit gleicher Güte:„Du könnteſt recht haben, aber woran ſiehſt du denn das Alles?“„Das weiß ich von ſelbſt,“ antwortete ſie,„ich habe ja ſchon viele Studenten geſehen, denn ich bin aus Marburg und man ſieht es dem Studenten ſchon an, was er werden will. Du biſt gut und fromm und denkſt auch an Andere, aber du biſt ungeſchickt für dich ſelbſt, wie alle Theologen, du hätteſt dich ſonſt nicht hier gerade auf die einzige feuchte Stelle geſetzt, und doch iſt es ringsum trocken, und du biſt erhitzt.“
Er ſah das Kind jetzt verwundert an, ſtand aber doch auf und ſetzte ſich auf eine andere Stelle, wo ſie ihre Schürze ausbreitete, indem ſie ihm einen triumphirenden Blick zuwarf. Dann ſagte er:„Alſo nach Marburg willſt du? das trifft ſich ja ſeltſam, dahin will ich auch.“„Ich wußte es ſchon,“ unterbrach ſie ihn; er hörte aber nicht darauf und fragte weiter: „Aber wie kommt es denn, daß du ſo allein und doch ſo weit weg von Hauſe biſt?“„O, ich komme noch viel weiter her, von Hamburg an der breiten Elbe, doch das iſt eine lange Geſchichte!“ ſprach ſie.„Nun, dann kannſt du ſie erzählen, wenn wir nachher mit einander weiter ziehen, es macht mir Freude, mit dir zu gehen.“„Ach und mir auch! Ich habe ſo
niemand, der Freude an mir hat,“ rief ſie.
Der Student antwortete aber nicht mehr, ſondern zog ein kleines Buch heraus und begaun zu leſen. Sie blieb ſtumm und regungslos neben ihm ſitzen, auch als er ſich immer mehr vertiefte und nicht an's Fortgehen zu denken ſchien, obwohl die Schatten ſchon länger wurden. Nur ſchob ſie ihm von Zeit zu Zeit aus ihrem Vorrath ein Stück Brod oder Fleiſch auf das Knie und er genoß es, wie in Gedanken, wobei ſie ihm mit leuchtenden Blicken zuſah; ſonſt ſpielte ſie mit ihrem Kamme und wuſch ihn im Quell ab und wäre dem Studenten gar zu gern damit in die blonden Haare ge⸗ fahren, die ſchön gelockt, aber in Unordnung waren; ſie getraute es ſich nur noch nicht.
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