Jahrgang 
1855
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244 Eine Univerſitätsgeſchichte.

Es war das erſtemal, daß ſie bei Vornehmen anklopfte, aber ihr behender Geiſt war nicht verlegen. Ruhig ftellte ſie ſich vor dem Hauſe hin und ſang mit einer etwas heiſeren, aber wunderbar ergreifenden Stimme:

Einlaß begehrt in euer Herz Ein Kind vor dieſer Thür,

Von früh auf kennt es Leid und Schmerz Und kann doch nichts dafür.

Mich ſchreckt nicht Sturm und Nacht und Schnee, Gern fröhlich wär' mein Sinn; Doch ach! das Eine thut ſo weh, Daß ich verlaſſen bin. Laßt träumen mich nur eine Stund, Daß mir ein Glück erblüht; Mit Sang und Liedern dankt mein Mund, Mit Treue mein Gemüth.

Es gibt einen Ton, dem niemand widerſteht, am wenigſten fröhliche Menſchen; dieſen Ton fand das Mädchen in ihrer Bruſt, ſie wurde gern aufgenommen und verpflegt, bis die ſchönen Tage wiederkamen. Als aber der Oſtermontag glänzend und ſonnig heraufſtieg, ließ ſie ſich nicht länger halten, ſie ſchien beſonders fröhlich, als ſie wieder draußen im Freien war, und eilte nicht ſo ſehr wie ſonſt, ja ſie blieb ſogar ſtehen und pflückte ſich die erſten Veilchen und hörte die Vögel ſingen.

Die Sonne glühte, und als es Mittag wurde und die Kleine an einen Quell kam, ſetzte ſie ſich dabei nieder und verzehrte guter Dinge das reich⸗ liche Mahl, womit ihre Wirthe ſie beſchenkt hatten. Sie holte ſogar ein ſorgfältig verpacktes rothſeidenes Tuch hervor, band es ſich um den Hals und begrüßte nun die buntgeſchmückten Bauersleute, die des Weges hin und herzogen, doppelt freundlich; doch redete ſie niemand an, als einen jungen Mann, der träumeriſch vorüberging und weder ſie noch den ein⸗ ladenden Quell zu beachten ſchien, obwohl er müde ſein mußte, denn er ging langſam und hatte die Hand unter ſein Ränzel geſchoben, um ſich die Laſt leichter zu machen.Setze dich doch und trink, Herr Student! rief ſie ihm zu und brach in ein Lachen aus, daß ihr der Schalk aus allen Zügen blitzte. Der junge Mann drehte ſich um und ſagte, als er das ſchöne Mäd⸗ chen ſah, freundlich:Du haſt wohl recht, wenn du mich auslachſt, ich habe gar keine Eile und doch hätte ich es faſt verträumt, daß ich müde bin und daß es ſich in dieſem Waldthal prächtig ruhen läßt.