242 Eine Univerſitätsgeſchichte.
fes Auge den vergoldeten Neptun am Vordertheil noch unterſcheiden konnte, ſprang das Mädchen auf, wehte einigemal mit dem Tuche und duckte ſich dann plötzlich hinter dem Gebüſch nieder. Dies wäre indeſſen nicht nöthig geweſen, man hätte das Kind vom Schiffe aus doch nicht erblicken können; dennoch ver⸗ ließ es ſeinen Hinterhalt nicht, kroch behend wie eine Schlange bis an den äußerſten Rand des Ufers vor und ſchaute mit wilder Freude dem Schiffe nach, wie es kleiner und immer kleiner wurde. Als es aber verſchwunden war, erhob ſich die Kleine langſam und brach in bittere Thränen aus.
Das Weinen dauerte nicht lange, in raſchem Entſchluß nahm das Mädchen ihr Bündel auf, eilte an der Kante des Ufers hin, drang durch die Hecken und ſchritt nun querfeldein durch die Stoppeln, um in kürzeſter Weiſe den Weg nach Altona zurück zu gewinnen.
Der dürftige, aber reinlich gehaltene Rock und die gelockten, glanzlos ſchwarzen Haare flatterten im Morgenwind; das Mädchen, obwohl kaum dreizehn Jahre alt, hatte ſchon den geſtreckten, gleichmäßigen Gang einer Erwachſenen, war ſchlank und groß, und im Geſicht mit ſcharfen, regelmäßigen Zügen, wie wir ſie aber bei einem Kinde nicht lieben, weil die Anmuth fehlt.
Das Kind war entſchieden fremd in der Gegend und doch fragte es niemand nach dem Weg, fand ſich aber nichts deſto weniger durch das Labhrinth von Hecken und Kreuzwegen ſo genau zurecht, daß es gerade bei dem Harburger Marktſchiff an das Ufer herabkam. Da es aber noch nicht Zeit zur Abfahrt war, ſetzte ſich die Kleine ruhig auf die niedere Steinmauer und begann bedächtig ihr Morgenhrod zu verzehren, aber nicht eher, als bis ſie ſich durch Vergleichung überzeugt hatte, daß noch eine doppelt ſo großePortion übrig blieb.
Doch ſammelten ſich jetzt nach und nach die Menſchen auf dem Markt⸗ ſchiff und das Mädchen begann auch ſchon vorſichtig in einem kleinen Beu⸗ telchen zu wühlen, um die Paar Schillinge herauszuſuchen, als es bemerkte, daß ein Kahn, der mit Kartoffeln geladen war, eben auch nach dem andern Ufer abgehen ſollte. Schnell war die Kleine zur Hand, denn ſie hoffte ihre Schillinge zu ſparen, und bat den Führer des Kahns, ſie mitzunehmen. Der Mann zögerte und ſchier e Luſt zu haben, ſie aber ließ ſich nicht abſchrecken und ſagte mit neuer Ernſthaftigkeit, daß die Fährleute laut lachten:„Wenn Ihr mich umſonſt mitnehmt, ſo will ich Euch während der Fahrt zweimal ſo viel verdienen, als es koſten würde.“
„Nun, wenn du ſo klug biſt,“ fragte der Führer,„ſo muß ich dich ja wohl mitnehmen; aber was willſt du denn für uns thun?“„Ihr habt da


