Eine Univerſitäts-Geſchichte. Von A. Widmann.
Es iſt wohl fünfzig Jahre her. Weit hinter Altona, wo die letzten ſchimmernden Landhäuſer liegen, getrennt von dieſen durch ein weites Ackerfeld, ſtand noch ein einzelnes Haus in einem großen mit lebendigen Hecken eingefaßten Park. Nur um das Haus herum war ein weiter Raſen⸗ platz mit Rondelen und reingehaltenen Kieswegen, damit Licht und Wärme zukonnten, alles Uebrige war Wald.
Freilich war es erſte Frühlingszeit und ein ſonnenglänzender Tag, aber die Eichbäume rauſchten noch in ihrem alten braunen Laub; nur die Weiß⸗ vorne an den Hecken brachen auf, und am Rande der noch bedeckten Rondele ſchoben Lilien und Tulpen ihre kräftigen Spitzen empor. Das Haus war rings verſchloſſen und Alles ſtill.
Dennoch war es hier nicht ſo einſam als weiter draußen, wenn man einige hundert Schritte durch den Wald ging und an das hohe Elbufer hinaustrat welches hier ſcharfkantig und ſteil in den Strom hinein abfällt. Da erſt, im Hinausſchauen über Strom und Werder, fühlte man, wie fern⸗ ab das Treiben der Menſchen war.
Hier war es, wo in einer halboffenen kunſtloſen Hütte von Baum⸗ rinden, auf der breiten, niedern Moosbank ein junges Mädchen halb auf⸗ recht über einem kleinen Bündel kauerte, regungslos, als wollte ſie ſich nach einer kalten Nacht von der Sonne aufthauen laſſen. Nur ihre ſcharfen, ſchwarzen Augen blickten unverwandt über den Theil des Stromes hin, welchen das herumſtehende Gebüſch ſichtbar ließ.
Es war günſtiger Wind; Schiff über Schiff, nahe und weit, groß und klein kam luſtig vorbei mit glänzenden, geſchwellten Segeln. Das Kind ſah ſie vorübergleiten und rührte ſich nicht; erſt als ihm ein großes Schiff in Sicht kam, freilich in ſo weiter Entfernung, daß nur ein ſo junges, ſchar⸗ Hausblätter. Jahrg. 1855. I. Bd. 16


