Jahrgang 
1855
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ders als geſchmacklos erſcheinen, theils mußte und muß ſie durchaus unver⸗ ſtändlich bleiben. Und was das mit⸗ telalterliche Moment in den Schriften betrifft, ſo wir können nicht helfen! finden wir darin nichts als eine gänzliche Unkenntniß des Mittelalters. Auch in Betreff der Vittoria ver⸗ mögen wir Herrn Hoffmann nicht zu⸗ zuſtimmen. Das Buch erſchien uns ſtets als ein trauriges und hie und da wider⸗ wärtiges Zeichen des Alters. Es iſt ja auch bald und gänzlich verſchollen. Einen, wir können nicht leugnen, faſt komiſchen Eindruck macht es uns, wenn der V., der Tieck doch vertheidi⸗ gen will, bei den einzelnen Büchern meiſtens mit größter Strenge auf ganz andere Reſultate kommt.

In Betreff der vor uns liegenden Dichtungen in gebundener Rede machen wir wiederholt darauf aufmerkſam, daß, wie wir Gedichte ohne Ausnahme von dem Inhalt unſeres Blattes ausſchlie⸗ ßen, wir andrerſeits auch in dieſem kri⸗ tiſchen, überdies ſchon beſchränkten Theil von ihrer Beurtheilung abſehen müſſen. Wir müſſen uns, wie wir das früher bereits ausgeſprochen, auf eine einfache Anzeige beſchränken, der wir nur in Ausnahmsfällen weitere Worte hinzu⸗ fügen können.

So liegen denn zwei feine Büch⸗ lein da:Liande. Eine Märchen⸗ dichtung von Julius Schanz. Zwickau 1855. Und:Das Ro⸗ ſenmärchen. Von Pauline Schanz. Berlin 1854. Es ſchließt ſich ein ſauber ausgeſtatteter Octavband daran:Die Pilgerin. Von Wil⸗ helm Waldner. Leipzig 1855.

Gleichfalls ein Octavband iſt:Zu⸗ leika. Frei nach ByronsBraut von Abydos dargeſtellt von E. R. Har⸗ fenton. Stendal 1845. Ob die Jahrs⸗ zahl ein Druckfehler iſt, wiſſen wir nicht. Jedenfalls können wir aber das Buch, obgleich wir es nicht geleſen, ſchon gründſätzlich nicht billigen. Eine Ueber⸗ ſetzung beſteht zu Recht, eine Umarbei⸗ tung kaum. Sie thut dem Original Gewalt an, wozu ſie niemals ein Recht haben kann; und von dem Umarbeiter kündet ſie nichts Löbliches. Wer ſich zum Schaffen gedrängt fühlt, muß und wird den Stoff in ſich ſelbſt finden und ſich durch eine ſolche Benutzung eines fremden nicht ſelbſt ein Armuthszeugniß ausſtellen wollen.

Zum tröſtlichen Gegenſatz folgt hier denn die dritte Auflage von Ro⸗ bert Reinicks Liedern. Berlin 1855. Ueber den Inhalt können wir hier nicht ſprechen, und brauchen es nicht. Sie ſind ja allbekannt und all⸗ beliebt, die prächtigen, friſchen, kräfti⸗ gen lieben Weiſen. Es freut uns dieſe dritte Auflage, ſie erfreut uns für das deutſche Publikum; ſie zeugt davon, daß Sentimentalität, Frömmelei und Süß⸗ lichkeit, die in den letzten Jahren hie und da ſo ſeltſame Triumphe feierten, noch ihr volles Gegengewicht haben in der friſchen Natur, in der Kraft und Wahrheit anderer und geſunder Herzen und Köpfe. Aber wir begrüßen und empfehlen das liebe Buch auch mit vol⸗ ler Wehmuth. Was mußte das frohe, friſche Herz ſo bald ſtille ſtehen und der Geiſt ſo bald davonflattern, ein Herz, ein Geiſt, wie wir ihrer ſo ſehr bedürfen und nie ihrer genug haben können!