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Wie bei der früheren Ueberſicht kommt auch diesmal zum guten Schluß eben ein Buch in unſere Hände, das wir mit Freuden begrüßen— eine neue dramatiſche Arbeit unſeres Mitarbeiters A. Widmann: Kaiſer und Kanz⸗ ler. Trauerſpiel in fünf Akten. Als Manuſeript gedruckt. Jena 1855.
Das Stück führt uns, wie man bereits aus dem Titel ahnt, an den Hof des Hohenſtaufen Friedrich II., in die Kämpfe des Kaiſers mit dem Papſt und ihre überall ſich zeigenden verderb⸗ lichen Folgen. Auf dieſem Hintergrunde läßt d. V. ſein reiches, lebensvolles Gemälde uns entgegentreten. Das hei⸗ tere, anmuthige, hie und da ausgelaſ⸗ ſene Leben am Hofe zu Neapel, die fernher rollenden Donner Roms und auch ſeine treffenden Blitze, der gefan⸗ gene Kaiſerſohn Heinrich, die Partei⸗ ungen in Staat und Geſellſchaft, der Contraſt italieniſcher Sinnlichkeit und Hinterliſt, mit der deutſchen Ehrenhaf⸗ tigkeit und Treue; die überall ſich kreu⸗ zenden und verletzenden Intereſſen, der angebliche Verrath des Kanzlers endlich, des alten Freundes Peter de Vineis, — ein Verrath, an dem nicht nur der Beſchuldigte ſtarb, ſondern der auch dem großen Kaiſer das Herz gebrochen haben ſoll. Man ſieht, es iſt eine Zeit, ein Stoff, ein Reichthum an Factoren, wie ihn der Dichter nur wünſchen kann. Er kann aus dem Vollen ſchneiden.— Und unſer V. hat das redlich gethan. Wir vermiſſen keinen dieſer Factoren; im Gegentheil ſind ſie auf das Geſchick⸗ teſte und Maßvollſte benutzt, wie denn das Stück nicht nur im Leſen nirgends ermüdet, ſondern auch der Theaterzeit durchaus gerecht wird. Wenn der Ver⸗
faſſer die Charaktere und Ereigniſſe, die er im Allgemeinen hiſtoriſch feſt hält, hie und da zu ſeinen Zwecken modifi⸗ zirt, ſo iſt das einerſeits ja längſt er⸗ laubt, andrerſeits verfährt d. V. dabei auch ſo einſichtsvoll und angemeſſen, daß man ſich durchaus damit einver⸗ ſtanden erklären kann.— Durch den Gang der Haupthandlung ſchlingt ſich denn auch hier der rothe Faden einer Liebe, aber nicht nur flüchtig angehef⸗ tet, ſondern tief eingreifend und unab⸗ trennbar. Sophia, des Kanzlers Nichte, verbunden früher mit des Kaiſers Ba⸗ ſtard, Don Juan,— ſich löſend aber von ihm und voll wahrer, reiner Liebe zu dem deutſchen Otto von Neuffen, voll einer Liebe, die ſie ſich unwürdig des Geliebten finden läßt,— iſt eine Figur, die mit großer Kunſt angelegt, mit Liebe ausgeführt wurde, und nun zu einem Gebilde von tiefer, pſycholo⸗ giſcher Wahrheit und Schönheit gedie⸗ hen iſt.
Wir begrüßen in dem Stück einen entſchiedenen Fortſchritt gegen die Nau⸗ ſikaa; er liegt nicht nur in der Aus⸗ führung, er liegt ebenſoviel und noch mehr auch in der Wahl des Stoffs. Die Zeit des Alterthums iſt uns ſo fern gerückt, daß ſie uns faſt märchenhaft berührt und daß wir uns zwingen müſ⸗ ſen, wenn wir ſie als Wirklichkeit auf⸗ faſſen und anſchauen ſollen. Mehr oder weniger gilt dies auch noch von unſerem Mittelalter bis zur Reformation.— Nur eben die Hohenſtaufenzeit mag ausge⸗ nommen ſein, die vor unſer aller Augen von Jngend auf als die größte, die er⸗ habenſte, die gewaltigſte Periode unſerer Geſchichte ſteht.


